18. April 2005
FAVEZ - Interview mit Chris Wicky im Treibhaus (Luzern), 25.03.2005

2002 schrieb ich in meinem Review zu „(From Lausanne, Switzerland)“: „Selten bin ich mir in meinem Urteil so sicher wie im Falle von Favez: Eindeutig die momentan beste Band der Schweiz.“
Drei Jahre sind vergangen, Favez haben in dieser Zeit ca. 150 Konzerte gespielt und zwei weitere Alben veröffentlicht und mittlerweile scheint meine damalige Ansicht mehrheitsfähig geworden zu sein. Ob 20 Minuten, Luzerner Zeitung, Schweizer Fernsehen oder gar NZZ: Favez sind hierzulande definitiv etabliert als die Rockband Nr. 1. Ironischerweise kurz nachdem sich zum ersten Mal in der Band-Geschichte Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten (mehr dazu im Interview). Doch die Band hat sich wieder gefangen und präsentiert sich sowohl auf Platte wie auch live in Bestform.
Ich traf Sänger Chris Wicky vor dem Konzert im Luzerner Treibhaus. Erfreulicherweise erinnert er sich bestens an unser erstes Gespräch vom Herbst 2003. Lachend (er lacht meistens) meint er: „Viele Leute haben dir beim letzten Mal abgeschrieben, ich hab gewisse Sätze von dir jedenfalls oft wieder irgendwo entdeckt“. Also, Ctrl C bereit halten und lesen.
BANDS: In der Schweiz werdet ihr ja im Moment richtiggehend abgefeiert. Interessanterweise häufen sich dafür in Deutschland die Reviews, die vom „schlechtesten“ Album sprechen, ja gar für Aufhören plädieren (z.B. VISIONS)...
Chris Wicky: (lacht, wie könnte es auch anders sein) Da steckt wohl was Mathematisches dahinter: In der Schweiz erhielt unser Akustikalbum mehr Beachtung als in Deutschland. Während also in der Schweiz der Rückschlag beim vierten Album „Bellefontaine Avenue“ kam, bei dem die Presse kritischer war, kommt dieser Rückschlag in Deutschland nun beim aktuellen Album, was von vielen als viertes Album wahrgenommen wird. Nach dreimal positiven Kritiken haben die Leute wohl einfach das Gefühl, dass sie jetzt auch mal was Negatives schreiben müssen. Zumal wir ja immer noch keine Rockstars sind (lacht).
Bei „Gentlemen Start Your Engines“ bibberten wir noch richtig, als die ersten Reviews erschienen sind. Mittlerweile haben wir einen gewissen Status erreicht und wir haben auch gelernt, dass es letztlich immer einzelne Meinungen sind, die dann irgendwo als Meinung eines Mediums zu lesen sind. Ich kenn den Typen vom VISIONS, der das aktuelle Review geschrieben hat. Er ist wie meine Mutter: er mag die ersten beiden Alben nun mal am Besten. Mehr noch: Er mag vor allem das an Favez, was wir nicht besonders mögen. Also belastet es mich nicht besonders, wenn er das neue Album nicht mag.
BANDS: Warum läuft es in der Schweiz im Moment so gut?
Chris: Ich weiss auch nicht genau. Alle mochten das Album einfach von Beginn an. Was uns diesmal auch nicht überrascht hat, da wir überzeugt sind, dass es unser bestes Album ist. Wir haben aber nicht mehr Werbung gemacht als sonst. Das Album hat einfach vielen Leuten so gut gefallen, dass sie etwas darüber schreiben wollten.
Wir glauben auch nicht allzu sehr an Werbung. Deshalb machen wir alles schrittweise. Z.B. haben wir erst nachdem wir gesehen haben, dass das Album gut läuft, beschlossen ein Video zu „Looking For Action“ zu machen.
"Old And Strong In The Modern Times"
BANDS: Du sagtest in unserem letzten Gespräch, dass immer der erste Song auf einem Favez-Album dein Lieblingssong sei. Ist das diesmal auch so?
Chris: Ja, definitiv! Wir haben 2 Tage lang für das Video zum Song gedreht und der Song gefällt mir immer noch. „Marlon Brando, Porsches, Hondas and Me“ mag ich auch sehr, einfach weil er ganz anders klingt als alles andere was wir bisher gemacht haben.
BANDS: Welchen Song magst du diesmal nicht?
Chris: „My Days Off The Hook“ mag ich nicht ganz so sehr. Du sagtest es tönt wie eine Powerballade und eigentlich sollte es genau nicht so klingen. Aber eigentlich gefällt mir diesmal wirklich jeder Song.
BANDS: Gab es band-interne Diskussionen wegen der leicht albernen Textzeile „awopbabalubabälämbumbäm“ zu Beginn von „And The Ships Sail“?
Chris: (lacht) In der Band nicht. Als wir im Proberaum mit der Idee zu diesem Song rumspielten stoppen wir alle an derselben Stelle und irgendwie sang ich einfach diesen albernen Text. Wir schauten uns an: „ok?“, „nicht ok?“ und kamen zum Schluss, dass es ok sei. Es erinnert mich an einen Song von Clutch, eine unserer Lieblingsbands.
Als wir den Song dann aufgenommen haben, war Santi Garcia (der Produzent von „Old And Strong...“) sehr begeistert. „Das wird der Opener des Albums!“, meinte er. Ich sagte: „Wart ab bis du die Vocals hörst...“ Als ich dann den Gesang aufgenommen habe meinte er: "Das ist ein Witz, oder?“
Der Gesang blieb wie er war, aber der Song ist jetzt nicht Nummer 1 auf dem Album (lacht).
BANDS: Im Presse-Info zur neuen Platte ist nachzulesen, dass es vor den Aufnahmen zu Spannungen innerhalb der Band kam. Ihr seid euch nur noch auf die Nerven gegangen und mit dem Zusammenspiel klappte es auch nicht mehr...
Chris: Wir haben wohl in den letzten zehn Jahren einfach zu viel Zeit in unserem Proberaum verbracht. Der Tapetenwechsel hat uns aber letztlich gerettet: Sobald wir in Spanien aus dem Bus stiegen, waren die ganzen schlechten Gefühle wie weggeblasen.
BANDS: Wann und weshalb habt ihr euch dazu entschieden, zu Santi Garcia nach Spanien zu fahren?
Chris: Nach der langen Zeit im Studio fürs letzte Album war klar, dass wir wieder was einfacheres machen wollen. Einfach unser Equipment einstöpseln und losrocken. Santi hat schon viele guten Alben aufgenommen (u.a. Standstill) und das obwohl er erst vor 5 Jahren mit Aufnehmen begonnen hat, er ist auch erst 24 Jahre alt! Wir haben mal mit seiner Band „No More Lies“ gespielt und ihn bei dieser Gelegenheit etwas näher kennengelernt.
Er gehört zu dieser ersten Generation von jungen Soundguys, die nur mit Computer arbeiten. Um analoge Aufnahmetechniken kümmert er sich gar nicht, das interessiert ihn nicht. Er geht sehr direkt ans Werk: Für ihn gibt es keine Weisheiten, z.B. wie und wo man welche Mikrofone benutzen soll. Er stellt ein Mikrofon einfach irgendwo hin und hört wie’s klingt.
Er hat uns übrigens erzählt, dass er den Sound von „(From Lausanne, Switzerland)“ sehr mag und ihm dieses Album als Referenz beim Aufnehmen und Mischen anderer Bands dient. Das erste Mal arbeiteten wir also mit jemandem zusammen, den nicht nur wir bewunderten, sondern der auch unser bisheriges Schaffen zu schätzen weiss. Der also nicht „über uns“ stand, sondern mit uns zusammenarbeitete.
Im Laufe der Aufnahmen haben wir unglaublich viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Das Album, dessen Sound er am Besten mag, ist „Rising Tide“ von Sunny Day Real Estate. Das ist soundmässig auch mein Lieblingsalbum! Stell dir das vor, von allen Tausenden von Alben mögen wir den Sound des genau gleichen Albums am Besten! Das war schon eindrücklich.
Santi und ich haben dann auch festgestellt, dass wir dieselben Bücher mögen (z.B. von Raymond Chandler), dieselben Filme etc. Einmal schwärmte er von einem Buch („The Man Who Fell In Love With The Moon“ von Tom Spandauer), dass ich nicht kannte. Wir waren fast schockiert, dass wir ausnahmsweise mal nicht dasselbe Buch mochten! (lacht) Ich hab’s dann anschliessend gekauft, gelesen und jetzt ist es eines meiner Top 3-Bücher.
Natürlich war uns diese gleiche Wellenlänge auch bei der Arbeit behilflich. Als er das Album gemischt hat und uns den Rough Mix schickte, mochten wir ein paar Dinge nicht, Ich schrieb ihm also ein Mail um ihm zu sagen, was er ändern soll. Und er schrieb zurück, dass er genau diese Sachen bereits geändert habe, weil sie ihm auch nicht gefallen haben.
BANDS: Weshalb hast du diesmal persönlichere Texte geschrieben?
Chris: 2004 war ein chaotisches Jahr für mich. Normalerweise schreibe ich nicht über Dinge, die direkt was mit mir zu tun haben, sondern versetze mich in die Rolle eines Beobachters. Diesmal musste ich aber einfach einige Dinge verarbeiten, obwohl ich das eigentlich nicht allzu gerne mache. Ich hab jetzt einfach versucht einen Kompromiss zu finden zwischen persönlichen Lyrics und solchen aus der Beobachter-Perspektive. Aber ich denke ich bin jetzt auch gut genug, so dass die persönlichen Texte nicht einfach nur persönlich sind sondern auch was Universelles haben.
On stage

BANDS: Ich hatte den Eindruck dass die Songs von „Bellefontaine Avenue“ live nicht so gut funktioniert hatten...
Chris: Stimmt schon. „Bellefontaine Avenue“ ist einfach kein Live-Album. „Emmanuell Hall“ ohne den Background-Chor macht keinen Sinn. Wir spielen jetzt auch nur noch 2 Songs dieses Albums live. Die neuen fühlen sich live wieder besser an, weil sie ja auch praktisch live mit demselben Equipment eingespielt worden sind.
BANDS: Ihr habt vor 2 Wochen im Le Romandie in Lausanne gespielt. Das muss das erste richtige Konzert in Lausanne für euch gewesen sein...
Chris: Und es war das erste wirklich gute! Eigentlich hassen wir es in Lausanne zu spielen und es war noch nie richtig gut. Diesmal war’s fantastisch, einfach weil es jetzt einen richtigen Club gibt, in den die Leute kommen um eine Band zu sehen und abzurocken.
BANDS: Du bist stark involviert im Club. Was machst du genau?
Chris: Hauptsächlich bin ich fürs Booking zuständig, manchmal arbeite ich auch als Security. Das mach ich sehr gerne. Ich nerv mich immer so wenn Leute kommen und gratis rein möchten, obwohl sie noch nie was für uns gemacht habe. Und als Security kann ich die dann einfach an die Kasse schicken! (lacht)
Wir haben noch keine definitive Erlaubnis für den Club, deshalb gibt’s im Moment nur eine Show pro Monat. Aber die definitive Erlaubnis sollte demnächst kommen.
BANDS: Plant ihr schon eine „Lucerne Night“ im Romandie?
Chris: Vielleicht, wenn der Sänger von Neviss aufhört den Sänger von Chewy zu imitieren! (lacht)
Outro
BANDS: Im Interview mit Mathias Menzl vom Rockstar Magazin hast du gesagt, dass im Musikbusiness alle immer viel zu nett seien. Ich geb dir jetzt Gelegenheit, mal was nicht Nettes zu sagen:
Chris: (lacht) Ok, mal sehen...
Chewy spielten viel zu viele Noten, das ist pure Angeberei!
Neviss machen einen auf Chewy!
Highfish beschweren sich immer über alle!
Alle Deutschschweizer Bands wollen lieber CD’s verkaufen statt abrocken und sie nehmen die CD’s auch nur auf, um ihre Freundinnen und Mütter zu beeindrucken!
Tontechniker in der Deutschschweiz ... (überlegt) ... werden langsam besser! (lacht)
Eigentlich ist es gar nicht so einfach, böse Dinge zu sagen....
BANDS: Was sind deine nächsten musikalischen Pläne?
Chris: Im Moment arbeite ich an neuen Songs für ein Album mit meinem Bruder Greg (Pendleton). Es wird wahrscheinlich ein sehr reduziertes Album, auf dem wir uns auf unsere Stimmen konzentrieren. Wir haben erst vor kurzem begonnen, zweistimmig zusammen zu singen. Zu Beginn klang das, na ja... aber nach einer halben Stunde oder so begann es richtig zu harmonieren. Das Album wird wohl Ende Jahr aufgenommen und erscheint im nächsten Frühjahr.
BANDS: Zum Schluss noch die obligate Frage nach deinen musikalischen Favoriten des vergangenen Jahres...
Chris: Josh Ritter, he’s really, really, really good! War auch mein bestes Konzert, ich hab ihn in Belgien gesehen als Support von Rufus Wainwright. Who sucked, by the way...
Dann noch The Thrills, Jon Spencer Blues Explosion, Houston Swing Engine, Nick Cave, Interpol...
BANDS: Und was hörst du im Moment?
Chris: Die neue CD von Sage Francis ist grossartig. Und die neue Harmful „Sis’masis“ ebenfalls.
BANDS: Besten Dank für das Gespräch!
www.favez.com
www.treibhausluzern.ch



Kommentare
prost. ueli
Falls dus nicht kapiert hast: Chris mag Neviss sehr. Kennst du Ironie?
du willst mir weismachen, dass chris den sänger von neviss oder gar GANZ neviss mag, weil gesangliche paralellen vorahnden sind?????
ausserdem: ja, ich hab schon von ironie gehört. aber um die ironie vollständig verstehen zu könenn, muss man ihr aberkennen, dass ein spürlein ironie der ironie in jeder ironie steckt.