05. November 2005
TROY VON BALTHAZAR - Interview in der Boa, 23.10.2005

Troy Von Balthazar - mehr als nur ein ungewöhnlicher Name.
Eigentlich wollte ich mit Troy, der Eingeweihten als Sänger der mittlerweile auf Eis gelegten Chokebore (eine charmante Mischung aus Pavement und Nirvana) bekannt ist, über sein neues Soloalbum sprechen. Doch das Gespräch bewegte sich unweigerlich in eine persönlichere Richtung. Bezeichnend für diesen aussergewöhnlichen Menschen...
BANDS: Troy, du hast in deinen Ansagen zwischen den Songs zwei Mal erwähnt, dass du aus Hawaii stammen würdest. Ist dir deine Herkunft wichtig, hat sie dich als Musiker und Mensch geprägt?
Troy Von Balthazar: (schaut mich fragend und leicht verwirrt an, fast so, als wüsste er gar nicht mehr genau, was er auf der Bühne gesagt hat) Nein, eigentlich nicht... Ich wollte nur mit den Leuten kommunizieren, da sag ich halt solche Sachen.
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich bis vor wenigen Wochen noch nie was von dir und deiner Musik gehört habe. Ist das vielleicht gar von Vorteil, Chokebore nicht zu kennen, wenn man sich dein Solo-Album anhört?
Das ist schon ok. Das Album ist ja auch sehr anders, als das was ich früher gemacht habe. Viele Leute die ich nun treffe kennen überhaupt nur das Solo-Album. Vielleicht hören sie dann Chokebore später an, das ist auch ok. Bei meinen Shows treffe ich jedenfalls viele Leute, die mich erst nach Chokebore kennen gelernt haben.
Wer sich auf www.troyvonbalthazar.net kundigt macht, kann unter „Bio“ folgendes lesen: „Troy Von Balthazar writes beautiful music.“ Ist das dein musikalisches Selbstverständnis?
Das hab nicht ich geschrieben. Diese Website wird von einem Fan betreut. Aber ich finde diese Bio besser als viele andere Bios. Es beschreibt was ich tue. Wobei ich eher sagen würde: ich versuche, schöne Musik zu machen.
Was sonst müsste denn in deiner Bio noch erwähnt werden?
(nachdenklich) ... I don’t know man... Alles was ich tue ist: Ich versuche etwas Schönes, Pures zu machen, solange ich noch lebe. As long as I’m still alive, man...
Denkst du, dass du das mit den Album geschafft hast? Bist du zufrieden damit?
Hmm, ja, ich bin zufrieden. Ich denke niemand ist je zu 100% zufrieden. In meinem Kopf ist ständig Musik, da spielt ein tausendköpfiges Orchester, das kann ich unmöglich reproduzieren. Aber ich denke den Kern der Songs und der Gefühle, die ich damit ausdrücken möchte, hab ich eingefangen. Das Album klingt sehr menschlich, sehr fragil und unperfekt, das mag ich.
Magst du die Bezeichung Lo-Fi dafür?
Ja klar. Hi-Fidelity wär ja eine grosse Studioproduktion, das ist es sicher nicht. Aber andererseits ist heute eigentlich alles Hi-Fi, nichts ist mehr analog. Ich würde sagen es ist einfach sehr reduziert, es sind Skelette von Songs. Ich hab sie bewusst sehr schlicht gehalten. Nur Gitarre, Stimme und ein bisschen was drum herum. So menschlich wie möglich halt. Es braucht keinen verdammten New-Disco-Beat um gute Musik zu sein! „Cover Us“ ist so ein Song, wirklich nur Stimme und Gitarre. Der ist einer meiner Favoriten.
Du hast in verschiedenen Studios aufgenommen. Das Album ist in den USA, Frankreich und Deutschland entstanden. Weshalb diese Globus-umspannende Arbeitsweise?
Ich hab halt kein Haus, keine Wohnung. Ich bin immer unterwegs. I don’t have a place to go man! Falls du jemanden kennst der noch ein freies Zimmer hat, sags mir. Ich bin im Prinzip obdachlos. Wo immer ich auch bin mach ich, was ich machen muss, nämlich Musik.
Du hast kein Zuhause, keinen Ort an dem du ein geregeltes Leben führst?
Nun, letztlich lande ich meistens in Paris oder in Berlin, wo ich bei Freunden im Wohnzimmer lebe. Manchmal kann ich auch in einem Haus von Freunden in Frankreich wohnen, ein einsames Haus in einem Wald. Im Umkreis von 5 Kilometern wohnt da sonst niemand! Das mag ich sehr. Ruhe, einfach Ruhe...
Magst du Paris?
Ich mag die Stadt, aber die Wohnung meiner Freunde, bei denen ich meistens wohne, ist so verdammt klein. Ich schlaf da auf dem Sofa.
Sprichst du denn Französisch?
Nein. Ich versteh ein wenig. Eigentlich mag ich es sehr, nicht zu verstehen, was die Leute schwatzen. Alle Leute in Frankreich sagen mir immer: Du musst Französisch lernen! Ich weiss, es ist ihr Land, ihre Sprache. Aber Tatsache ist: Ich liebe es, nicht zu verstehen was die Leute um mich sagen. Ich liebe es frei zu sein vom menschlichen Geschwätz. Klar, ich verpasse interessante Dinge von interessanten Leuten. Aber das ist es Wert, Mann! Stell dir vor du gehst nach Mexiko, verstehst nichts, hörst nur die Musik dieser Sprache. Wie ein Geist, Mann...
Wie lange lebst du schon so?
Seit 3,5 Jahren hab ich keine eigene Wohnung mehr. Seitdem pendle ich zwischen Los Angeles, Berlin, Leipzig, Paris...
Fühlst du dich nie einsam?
Nein, ich bin wirklich gerne alleine unterwegs. Doch, warte mal... Letzte Woche hab ich mich mal einsam gefühlt, einen Tag lang. Das erste Mal seit langem. Keine Ahnung warum... Ich fühlte mich einen Tag lang einsam, vermisste meine Heimat. Aber ich hab ja keine... Wir leben in einer sehr bevölkerten Welt, da ist es schwierig alleine zu sein, umso mehr schätze ich es!
Machst du deshalb ganz alleine Musik?
Hmm... Schau, heute kam ich alleine mit dem Zug hierhin, nur mit einer Tasche und meiner Gitarre. Ich spiel Musik genau so wie ich das möchte. Es fühlt sich einfach gut an, auf sich alleine gestellt zu sein. Ich hab nicht mal einen Tontechniker dabei.
Du hast keinen Tontechniker dabei? Beim Gig dachte ich mir, dass du sicher einen dabei hast, bei all den Effekten die du eingesetzt hast...
Ich könnte wirklich einen brauchen, aber ich liebe es halt einfach, alleine zu touren...
Denkst du, dass du dein Leben so weiter leben willst die nächsten Jahre?
Ich hätte schon mal gerne wieder eine eigene Wohnung, vielleicht nur was kleines...
In Frankreich?
Ist eigentlich nicht wichtig. Ich möchte einfach den richtigen Platz finden, das ist aber sehr schwierig. Momentan kann ich von der Musik leben, aber nur weil ich keine Miete bezahlen muss. Ich hab mich vor Jahren mal entschieden, für meine Kunst zu leben. Und wenn man das mal gemacht hat, muss man sich immer wieder von neuem entscheiden, weiterzumachen. Der Druck aufzuhören ist so gross: Du hast kein Geld, keine Sicherheit, wahrscheinlich keine Zukunft. Alles ist so zerbrechlich. Aber wenn du genügend oft entschieden hast, weiterzumachen, dann ziehst du’s irgendwann konsequent durch, auch wenn das dann bedeutet, kein festes Dach über dem Kopf zu haben...
Könntest du dir vorstellen, wieder nach Hawaii zu gehen?
Ich möchte dort nicht alt werden. Es ist wunderschön, aber die Mentalität ist sehr engstirnig und es gibt dort auch nicht viel zu tun. Es würde mir langweilig werden. Ich möchte irgendwo leben, wo ich mehr stimuliert werde.
Meine Mutter fragte mich mal: Wie siehst du dich als alten Mann? Ich hab darüber nachgedacht und ich sah mich mit weissen langen Haaren, in einer kleinen eingeschneiten Hütte, auf einer Schreibmaschine schreibend.
Was schriebst du?
Keine Ahnung. Ein Buch, hoffentlich nicht das erste.
Wo steht diese Hütte?
Keine Ahnung. Sicher nicht in Hawaii, weil sie ja zugeschneit ist. (lacht)
Hast du je daran gedacht, ein Buch zu schreiben?
Ich schreibe seit Jahren, ich schreibe ständig. Aber es macht mir Angst. Leuten meine Musik vorzuspielen, daran hab ich mich gewöhnt, das kann ich. Aber ihnen meine Texte zu zeigen? Das trau ich mich nicht. Es ist so persönlich. Aber ich würde gerne mein kleines Büchlein schreiben und es auf Tour verkaufen.
Um ein guter Autor zu sein, musst du dasselbe tun wie um ein guter Musiker zu sein: Du musst alles dafür opfern. Ich denke es ist schwierig, beides zu tun. Und ich will keinesfalls beides halb zu tun. Also konzentrier ich mich auf die Musik.
Könntest du dir vorstellen, mal wieder mit Band zu spielen?
Keine Ahnung. Im Moment mag ich es, nur auf mich angewiesen zu sein. Niemand kann mich auffangen. Vielleicht mit den richtigen Leuten...
Mit Chokebore ist es also definitiv aus?
Im Moment mag ich’s so wie’s ist. Hängt auch von den anderen ab. Ich weiss nicht, alles ist möglich... Schau, mit Chokebore haben wir nie Geld verdient. Es ging nur um die Musik und ich sagte mir immer: Wenn es keinen Spass mehr macht, dann bringt es auch nichts. Ich will nicht "schlechte Chokebore" sein, das macht keinen Sinn. Deshalb haben wir aufgehört.
Was hast du vor Chokebore eigentlich gemacht?
Oh, ich hab chemische Abfälle weggekarrt, Tonstudios gebaut, gekellnert, Pizza ausgeliefert. So lernte ich übrigens singen. Ich hab Pizzas ausgeliefert und dabei im Auto zu meinen David Bowie-Kassetten gesungen. Normalerweise wurde ich aber rasch wieder gefeuert. I got fired from every single job i've ever been in! (lacht)
Weshalb?
Ich wurde nach ein paar Tagen zu einem Zombie. Ich sagte mir immer: That’s a fucking waste of time, man! Alles was ich habe ist Zeit. Ich brauche keinen neuen Computer, kein Auto, keinen iPod. Das will ich gar nicht! Ich will Zeit um zu schreiben. Ich will nicht in diesem Kreis gefangen sein. Man muss arbeiten um sich irgend ein Spielzeug zu kaufen, man will ein neues, man muss mehr arbeiten... Ich sehe das bei so vielen Leuten...
Gibt’s gar nichts Materielles das du vermisst?
Nein. Ich denke nie: Ich möchte heute ins Kino und dann ins Restaurant gehen. Das brauch ich gar nicht. Ich bin aber kein Extremist. Ich hab Geld um Kleider zu kaufen. Wenn ich eine CD will kaufe ich mir die.
Wo lagerst du deine wenigen Besitztümer?
Ich hab Taschen in allen Wohnungen in denen ich regelmässig bin.
Weißt du genau, was du wo hast?
(lacht) Nein, nicht wirklich. Das ist immer spannend wenn ich zu Freunden gehe und wieder was entdecke.
Vermisst du wirklich nichts?
Nein, wirklich nicht! Ich geniesse meine Freiheit. Ich möchte nicht gefangen sein in diesem Kreislauf... You know, the cycle, man... Man muss arbeiten um Dinge zu kaufen, für sich, für seine Freundin, für seine Kinder... That’s cool, but it’s just not for me...
Möchtest du denn mal Kinder haben?
Vielleicht, weiss nicht...
Hat es bei deiner Lebensweise eigentlich Platz für eine Beziehung ?
Ja das geht. Natürlich sieht man sich nicht so oft. Klar, Beziehungen sind auch schon in die Brüche gegangen, aber das hatte meist andere Gründe...
Ok, zurück zur Musik. Was erwartest du vom Album?
Ich möchte natürlich, dass es sich gut verkauft, ich möchte ja weitermachen. Ich hab aber keine grossen Erwartungen, das ist nicht die Art von Album die sich 100'000 mal verkauft. Aber ich bin überrascht, dass es Leute gibt, denen es gefällt... Als ich es aufnahm dache ich: "Wow, ich mag es, aber es werden wohl nur ein paar wenige Gleichgesinnte daran Gefallen finden." Aber ich kriege grossartige Reviews in Frankreich, das ist doch erstaunlich...
Im Booklet schreibst du, dass die Leute dich live sehen sollen. Warum ist dir das wichtig?
Ich mach schon seit ein paar Jahren Solo-Shows und bis anhin kannte niemand die Songs, die ich spielte. Ich denke Shows sind immer dann am besten und sie berühren dich dann, wenn du die Songs schon kennst. Ich möchte nahe bei den Leute sein, sie berühren, in ihnen was auslösen.
Noch ein paar Fragen zu deinem Equipment. Deine Gitarre sieht sehr, na ja, "speziell" aus...
Meine Freundin hat sie angemalt. Ich sagte: Oh, ich mag es. Aber ich weiss nicht ob ich es mag, oder ob es mich zum Kotzen bringt (lacht)
Wie erzeugst du die Beats live, benutzt du einen Sampler?
Nein, lediglich ein simples Casio-Keyboard, das ich geschenkt erhalten habe als ich neun war. Das hat ein paar vorprogrammierte Beats die ich benutze...
Und was machst du, wenn das mal kaputt gehen sollte?
Ich hab mir vor Jahren mal ein zweites gekauft. Aber es geht nie kaputt...
Zum Schluss noch eine blöde Frage, du hast wahrscheinlich schon oft darüber gesprochen aber ich muss dich dennoch danach fragen: Du spieltest mit Chokebore als Support bei den allerletzten Nirvana-Gigs...
Ja, wir spielten auf der letzten Tour mit ihnen und waren auch beim letzten Konzert auf amerikanischem Boden in Seattle dabei. Es war gigantisch. Stell dir vor du spielst in einer Band, zu deren Show normalerweise 10 Leute kommen. Und dann spielst du vor 30'000. Das war fucking scary! Aber auch grossartig... Ich war überrascht, dass die Leute uns gemocht haben. Ich dachte die würden uns bewerfen, aber es war gut. Ich hab aber damals auch gespürt, dass Nirvana damit nicht klar kommen. Du bist so weit von den Leuten entfernt. Eine Show in einem kleinen, vollen Club ist viel besser!
www.troyvonbalthazar.net
www.chokebore.net
www.boaluzern.ch



Kommentare