Grosser Rock im kleinen Pully (VD)
Auch wenn das Rockstar-Magazin kürzlich titelte "Adieu Lausanne, hier kommt Luzern" hat Lausanne in Sachen Rockmusik immer noch einen gewaltigen Trumpf im Ärmel: Das For Noise Festival, welches im Vorort Pully stattfindet. Nebst der Bad Bonn Chilbi das wahrscheinlich am geschmackvollsten programmierte Festival der Schweiz, das dieses Jahr - fast schon eine Sensation! - exklusiv in der Schweiz Dinosaur Jr auf ihrer Reunion-Tour präsentierte und mit Feist, The Kills, Yo La Tengo und Ska P. (um nur wenige zu nennen) noch einiges mehr zu bieten hatte. BANDS Magazine hat sich am Donnerstag 4. August etwas genauer auf dem Festivalgelände umgesehen. Vor und hinter der Bühne.


Die Hauptbühne (im Vordergrund: Favez-Gitarrist Guy Borel)

Der verregnete Donnerstag-Morgen liess einen feucht-kalten Konzertabend erwarten, doch zum Glück verziehen sich gegen Abend die Regenwolken und die Gegend am Genfersee präsentiert sich von der besten Seite. Fast schon wieder sommerlich-warm ist's, als ich das Festival-Gelände betrete. Rund 20 Minuten (mit dem öffentlichen Bus) von Lausanne entfernt, aber dank Shuttle-Bus problemlos erreichbar. Ein paar französische Touristen sind erstaunt ob der Übersichtlichkeit des Geländes, unter "Festival" haben sie sich wohl etwas Grösserers vorgestellt. Nebst der Hauptbühne, vor der vielleicht 2'000 Leute Platz haben (grob geschätzt) gibt's eine kleinere Nebenbühne (Up-Stage), die vielleicht 300 Leuten das Zuschauen ermöglicht und eine noch kleinere Indoor-Bühne, bei der bei ca. 200 Personen die Obergrenze erreicht ist. Infrastrukturmässig gibt's eigentlich wenig zu meckern. Naturgemäss sind die Schlangen vor den Toiletten lang, aber die Wartezeit beträgt kaum länger als 5 Minuten (zumindest bei den Herren...). Lediglich das kulinarische Angebot weist im Preissegment unter 10 Franken Lücken auf. Bratwurst, Pizza oder dergleichen? Fehlanzeige... Dafür leckerer Asien-Food, der aber mindestens 12 Franken kostet.

Ab 18 Uhr beginnt sich das Gelände zu füllen. Es sollte fast voll werden, an diesem Donnerstagabend. 2'300 Eintritte, fast ausverkauft, wird man nachher lesen können. (Der Freitagabend war mit 2'500 Eintritten ganz ausverkauft. Ska zieht halt noch etwas besser als klassischer Indie-Rock). Viele Lausanner "Szenegrössen" sind natürlich anwesend, die Luzerner Szene ist aber auch sehr gut vertreten (was sich vor allem auch in den frühen Morgenstunden in der Disco zeigen sollte). Auf der Hauptbühne spielen Elysian Fields ein wenig beachtetes Set. Auch mich vermögen die Klänge die da von der Bühne kommen nicht wirklich zum aktiven Zuhören animieren. Lieber seh ich mir nachher Toboggan an, deren Post-Rock mich mal wieder weder richtig begeistern noch stören kann. Die sanften Gitarrenmelodien münden immer wieder in intensive Lärmpassagen, aber einmal mehr vermiss ich den entscheidenden Kick. Den find ich gleich anschliessend, ganz unerwartet, auf der Hauptbühne:


Feist - die Kanadierin begeistert

Die Kanadierin Feist, von der ich bis anhin kaum etwas wusste, ausser dass sie u.a. auf dem letzten Broken Social Scene-Album zu hören war (keine schlechte Referenz...), begeistert mit ihrer unglaublichen Bühnenpräsenz, der tollen Stimme und dem ideenreichen Gitarrenspiel. Ob mit Band oder alleine mit geloopter Stimme und Gitarre, Feist bietet wunderbare Popmusik, mal jazzig, mal bluesig. Eine Entdeckung!

Nach Feist's Auftritt beschliess ich, mich mal hinter der Bühne umzusehen. Das blaue Journi-Armband ermöglicht's und ich nutze die Chance. Und wen seh ich da als erstes? J Mascis, Gitarrengott und Dinosaur Jr-Kopf beim Mobiltelefonieren. Sein Haar sieht aus wie das eines indianischen Medizinmannes, lang und weiss. Die Adidas-Trainer-Jacke (dieselbe mit der er in der April-Ausgabe des VISIONS zu sehen war) passt hingegen nicht ganz zu diesem Bild... Die Ehrfurcht siegt über die Aufdringlichkeit und ich beschliesse, ihn nicht heimlich zu fotografieren. Dafür kann ich nicht widerstehen, als The Kills die Szene betreten und sich für ihren gleich folgenden Auftritt warmmachen. Hier das Bild:


The Kills - ja sie sind es wirklich!

Ihre Show verfolg ich vom Bühneneingang. Minimalismus pur beherrscht die Bühne und ihren Auftritt. Das Duo begnügt sich mit Drumcomputer, zwei Mikrofonen, ein bis zwei Gitarren und drei Verstärkern. Zugegeben, der düstere, noisige Bluesrock ist etwas monoton, aber die Performance ist grossartig. Der scheppernde Gitarrensound mit dem charakteristischen kurzen Delay ist fräsend, die Stimmen sind fordernd, die Körperbewegungen zuckend.


The Kills - Minimalismus pur

Anschliessend spielen Honey For Petzi auf der Up-Stage. Deren technisch äusserst versierten Post-Rock find ich zwar live äusserst sehens- und hörenswert, aber ich beschliesse, mir lieber einen guten Platz vor der Hauptbühne zu sichern. Eine gute Entscheidung, denn es ist geradezu köstlich zu beobachten, wie sich die drei Dinosaurier beim Soundcheck auf der Bühne bewegen. J Mascis schlurft umher, so als wisse er gar nicht recht, was er hier eigentlich soll. Reichlich unbeholfen winkt er gar in die wartende Menge. Murph, der mit seiner rundlichen Gestalt und dem kahlen Kopf aussieht wie ein frühpensionierter Amerikaner aus dem Bilderbuch, stolziert rum und winkt ebenfalls, souveräner als J, irgendwie ein typisches Touristen-Winken. Lou Barlow schliesslich steht seelenruhig vor seinem Verstärker, schraubt ein bisschen daran rum und ist die Ruhe in Person.


J und Lou beim Soundcheck

Pünktlich um halb zwölf stehen die drei Herren von Dinosaur Jr dann gemeinsam auf der Bühne. Die Dreifaltigkeit des Indierock quasi. Das mag blasphemisch sein, aber es passt. Murph (über den J im VISIONS-Interview im April noch sagte: "Ich weiss nicht genau, ob er verlässlich genug sein würde, um eine Tour zu machen. Er ist der mysteriöse Faktor - ob er spielen kann oder nicht") drischt auf sein Drumset ein, viele Fills zieren sein kraftvolles Spiel und das hohe Tempo scheint ihn überhaupt nicht zu ermüden. Lou Barlow spielt die wohl coolste zweite Geige aller Zeiten. Souverän haut er in die Saiten seines Rickenbackers und liefert ein massives Fundament für Mascis' Solo-Eskapaden. Und wenn Lou mal ans Mikro gelassen wird, dann spuckt er uns seine Zeilen in bester Henry Rollins-Manier ins Gesicht. Ausnahme: Beim wunderbaren Song "Forget The Swan" (meinem aktuellen Dino-Favoriten) darf er auch mal richtig singen. Und J, der Gitarren- und Slackergott höchstpersönlich, er zelebriert sein Spiel ausgiebig, aber es bleibt erträglich. Lange Soli: ja, zu lange: nein. Der Gitarrensound, der aus dem vier Marshall 4x12ern dröhnt, ist natürlich immens laut, doch zumindest von meinem Platz aus sind auch die anderen Instrumente deutlich zu hören (es soll nicht überall so gewesen sein, es war wohl eine gute Entscheidung, auf Lou's Seite Platz zu nehmen...).


Die Dreifaltigkeit des Indie-Rock auf der For Noise-Bühne

Wer auf poppigere Songs der Spätwerke hoffte, wird enttäuscht. Im Gegenteil, ausgiebig werden die geradezu hardrockigen Momente des ersten Albums "Dinosaur" zelebriert (z.B. "Mountain Man"). Natürlich fehlen auch die Hits von "You're Living All Over Me" und "Bug" wie "In A Jar", "Little Fury Things" und - als Zugaben - "Freak Scene" und das Cure-Cover "Just Like Heaven" nicht. Dass die Reunion für alle Beteiligten eine entspannte Angelegenheit zu sein scheint, merkt man als J Mascis beim Intro des dritten Songs (war's "Gargoyle"? ich bin mir nicht mehr sicher...) der Strom ausfällt. Hektik auf der Bühne? Fehlanzeige. Murph watschelt nach vorne an den Bühnenrand, sagt grinsend "it seems like we lost our power. we have to regain our power" (oder so was in der Art) ins Mikro, watschelt wieder hinter sein Schlagzeug und beginnt mit Lou (der noch Strom hat) ein bisschen zu jammen. Lou beginnt eine Geschichte zu erzählen, die beiden scheinen Spass zu haben. Als die Lämplein an Mascis' Verstärkern wieder leuchten, nimmt er seinen Platz am Mikro wieder ein und fordert Lou und Murph mit dem Blick eines Erziehungsberechtigten dazu auf, doch das Jammen zu lassen und den begonnenen Song fortzusetzen. Herrliche Szenen, die sich da abgespielt haben, schwierig dies zu beschreiben...

Nach rund 80 Minuten Spielzeit geht ein Konzert zuende, welches auch Leute, die die Band schon früher in Originalbesetzung gesehen haben, als gelungene Reunion bezeichnen. Schön, dabei gewesen zu sein!

(Frage am Rande: Nach den Pixies im letzten Jahr und Dinosaur in dieser Saison, was kommt nächstes Jahr? Gang Of Four als Antwort zählt nicht, denn die haben ihre Live-Reunion bereits angekündigt. Hinterlasst einen spekulativen Kommentar)

Die neunte Auflage des For Noise-Festivals dauerte zwei weitere Abende, Bands wie Harmful, The Monsters, Yo La Tengo, The Wedding Present, Ska P. und viele mehr sollten noch die Bühne betreten. Ohne mich zwar, aber mit ausreichend anderen Leuten, so dass die Veranstalter zum ersten Mal mit einem Gewinn rechnen können. Gut so, denn mit einem finanziellen Polster sollte es gelingen, die nächstjährige Jubiläumsausgabe noch besser (oder zumindest eben so gut) zu gestalten. Ich freu mich jedenfalls jetzt schon.

www.fornoise.ch