refuseddvd

Der Anfang vom Ende.
"This is how punk rock's brave new sound meets the inevitable doom. The definitive undaunted Refused documentary, retracing the bands final years of existence!"

Nun ist sie also da, die DVD über das Ende von Refused. "Refused Are Fucking Dead" drohte ja beinahe schon zur "Chinese Democracy" des Hardcore zu werden. So las man etwa vor zweieinhalb Jahren auf der Website des Labels Burning Heart folgendes:

[Wednesday, November 19th, 2003]
Mark your calendars as we can confirm that the new DVD “Refused Are Fucking Dead”, including never before seen material and videos etc. will be released in autumn 2004 after being delayed! More news are soon to follow.

Kurz darauf folgte eine Entschuldigung von Kristofer Steen, dem ehemaligen Refused-Gitarristen und Filmemacher, der Release wurde mehrmals verschoben und es dauerte weitere 18 Monate, bis der Film fertig war. Nun ist er also da, und die Erwartungen sind entsprechend hoch, schliesslich haben Refused der Welt mit "The Shape Of Punk To Come" ein bahnbrechendes Album vermacht, das jegliche Genregrenzen sprengt und in jeder 90er-Jahre-Bestenliste in den Top-10 landen muss.

Der Anfang des Films macht dann auch klar, dass wir nicht die übliche Band-Doku mit Albereien und viel Geschwätz zu erwarten haben. Ein eingeblendeter Text lässt uns wissen, dass Refused zwischen 1992 und 1998 rund 400 Konzerte gespielt haben und dass ihre letzte Show in Harrisonburg, Virginia stattgefunden habe. In der Mitte des Sets seien im hinteren Teil des Saals die Lichter angegangen... Dann die filmübliche Einblendung "Burning Heart presents... A film by Kristofer Steen... Refused Are Fucking Dead" und darunter hört man im O-Ton, wie das Konzert von der Polizei unterbrochen wird. Ein eindrücklicher Anfang, der durch die Musik vom Kronos Quartet noch an Intensität gewinnt. Dann Schnitt, im Bild ein verschrobener Mann mit Bart und altmodischem Hut, der in den Spiegel blickt und zu sich selbst zu sprechen scheint. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um den ehemaligen Schlagzeuger David Sandström handelt. Er und Dennis Lyxzén, Sänger der Truppe, sind die Protagonisten des Films, Gitarrist Jon, der nicht von Anfang an zur Band gehört hatte, tritt später in Erscheinung. Kristofer Steen, der vierte Mann der an "The Shape Of Punk..." beteiligt gewesen war, fungiert als Erzähler, wobei der Film hier eine Schwäche aufweist, denn lange ist unklar, wer eigentlich erzählt (was auch daran liegt, dass die drei Refused-Mitglieder, die gezeigt werden, schwedisch sprechen, während der Erzähler durchgehend englisch spricht, und zwar ohne den typisch schwedischen Akzent). Zudem bleibt offen, ob nicht noch eine weitere Person erzählt, denn viele Passagen klingen so, als ob sie von einem Aussenstehenden gesprochen würden.

Der Film besticht durch seine Machart und den melancholischen Unterton, der ihn durchzieht. Die Bilder sind sehr kunst- und liebevoll inszeniert, Regisseure wie David Lynch dürften Steen beeinflusst haben. Viele Szenen wurden extra für den Film gedreht, darunter aufschlussreiche Interviewpassagen aber auch Szenen, die vorab atmosphärische Wirkung entfalten. Wie etwa die, in der die Musiker im Kino sitzen und den vorliegenden Film betrachten. Sowas hat man im Kontext einer Band-Doku wohl noch nie gesehen. Dass sich Refused um die übliche Hardcore/Punk-Ästhetik wenig kümmern, machen sie einmal mehr deutlich.

An der Form des Films gibt's also nichts zu mäkeln. Nur inhaltlich hätt ich mir mehr gewünscht. Der Film fokussiert auf das Ende der Band, auf die Ereignisse im letzten Jahr des Bestehens und insbesondere beim letzten Konzert in Harrisonburg, im Herbst 1998. Es ist zwar konsequent, sich nur mit dem Ende der Band zu befassen, trotzdem wäre etwas mehr Material über den Anfang und den Aufstieg (und insbesondere über die Entstehung des Schlüsselwerks "The Shape Of Punk To Come") wünschenswert gewesen. Aber immerhin erhält man einen Einblick in die Psyche einer Band, die von sich selbst zutiefst überzeugt ist und gleichzeitig ihr Ende vor Augen hat. Deshalb mein Fazit: Ein eindrücklicher und höchst sehenswerter Film, der einfach etwas zu kurz geraten ist. Zudem hat der Film eine klare Botschaft, die insbesondere für Musikhistoriker interessant ist. Die Gründe für das Scheitern der Band werden klar benannt, und es sind nicht die, die bis anhin meist genannt worden sind. Mehr dazu verrate ich aber nicht...

Nebst dem 37-minütigen Film sind übrigens Live-Versionen von allen Songs von "The Shape Of Punk To Come" auf der DVD zu finden. Zum Teil jedoch in mässiger bis sehr schlechter Qualität, was teilweise störend ist, manchmal aber auch eine sehr starke, weil unmittelbare und authentische Wirkung entfaltet. Im Film eingebettet sind zudem Live-Versionen von "Circle Pit", "Life Support Addiction" und "New Noise", die letztlich die Intensität der Band besser einfangen, weil das Bild klarer und der Ton sehr viel druckvoller ist.

Wer sich selbst ein Bild machen will, findet unter folgenden Adressen einen Trailer zum Film:

www.burningheart.com/refused
www.myspace.com/refused