Tocotronic haben mein Leben zerstört



Weit weg von profanen Geschehnissen, wie sie Tocotronic zu Beginn ihrer Karriere so perfekt in Worte fassten, scheint es, dass sie in den letzten Jahren entweder zuviel „Lucy in the Sky with Diamonds“ gekostet haben, oder einer abgefahrenen Geheimloge angehören. Hiess es früher noch „Gitarrenhändler ihr seid Schweine“ und „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ oder „Meine Schwester schreibt mir eine Postkarte“, singt Sänger Dirk von Lowtzow heutzutage „Wir müssen durch den Spiegel gehen“ und „Diamanten aus dem All“ oder „Ich habe Stimmen gehört, ich habe Dinge gesehen“. Keine Trainingsjacken mehr, Hamburgerschule ist längst passé. Schön, wenn eine Band sich weiterentwickelt. Schade nur, wenn aus den „deutschen Nirvana“ von einst, eine abgedrehte Popband wird, die sich mit flüsternden Waldtieren beschäftigt.
Sehen wollte ich sie trotzdem unbedingt, als Tocotronic am 5. März in der Schüür in Luzern zu Gast waren, denn bisher war ich noch nicht in diesen Live-Genuss gekommen. Wie gesagt, Hamburgerschule is’ nich’ mehr, und trotzdem störte mich der Neue im Bunde, Rick McPhail. Irgendwie sieht er mir zu britisch aus. Der könnte doch Noel Gallagher ersetzen und niemand würde es bemerken.
Gleich als zweiten Song spielten sie die erste Single „Aber hier leben, nein danke“, der neuen Platte „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Danach ging es gleichmässig weiter. Hat man sich die neue CD intensiv angehört und Texte auswendig gelernt, war es ein wunderbares Konzert, nicht zuletzt weil Tocotronic mittlerweile sogar spielen gelernt haben. Leider, könnte man sagen. Hat man eben keine CD gehört und keine Texte gelernt, fragt man sich, warum Tocotronic immer den gleichen Song wiederholen.
Und doch, beim ersten Zugabenblock kamen dann auch konservative Tocotronic-Hörer, wie meine Wenigkeit, auf ihre Kosten. In dichten Bühnennebel gehüllt und von hinten in gleissendes Licht getaucht, prügelten die drei ursprünglichen Tocotronic ein paar alte Gassenhauer. Dann war Rick auch schon wieder da und half beim obligatorischen Schlussgewitter, indem er auf seinen Verstärker einschlug.
Nach dem Konzert mischten sich die Tocotronics unter das Publikum in der Schüür-Bar. Obwohl sie auf der Bühne eine richtige Band geworden sind, sind sie trotzdem immer noch die schüchternen Jungs von nebenan. Gut so! Tocotronic war und ist eine Band mit Charme.

www.tocotronic.de
www.schuur.ch