Gänsehaut nach fünf Sekunden. Meine Damen und Herren: Arcade Fire live!
Mascotte am Bellevue. Das tönt nach Zürcher Schickeria und es erstaunt schon ein wenig, dass die vielleicht "angesagteste" Indie-Band der Stunde gerade dort ihr einziges Gastspiel in der Schweiz gibt. Aber ist man erst mal am Türsteher vorbei (der mit einem äusserst freundlichen "Hoi zäme" gar nicht dem Klischee des grimmigen Türstehers entspricht), dann steht man in einem hellen (dank der Lage im ersten Stock und Fenstern gegen den See) und hohen (dank der zweistöckigen Bauweise mit Galerie) Raum, in dem die Bühne erfreulicherweise so gelegen ist, dass sie beinahe von jedem Winkel des Raumes einsehbar ist. Und der Weg nach oben wird einem nicht mal durch eine lästige Rucksackkontrolle vermiest, bei der man sein Wasserfläschchen abgeben muss, das man eigentlich für die Zugfahrt mitgenommen hat! Und da zum Zeitpunkt unseres Betretens der Saal auch noch nicht allzu voll war, sicherten wir uns sogleich einen Platz in der vordersten Reihe, so dass ich jetzt berichten kann: Ich habe Arcade Fire in Reichweite vor mir gehabt! Ich hab Régine Chassagne's und Win Butler's Stimme direkt von der Bühne vernommen! Und ich hab mir am Schluss die Setlist geschnappt, die auf dem Keyboard lag, und werd sie hoffentlich eines Tages für teures Geld auf eBay verscherbeln, dann wenn auch hierzulande alle, wirklich alle gemerkt haben, wie verdammt grossartig diese Band ist.



Bevor Arcade Fire ihr Feuerwerk an Emotionen zündeten, betrat ein schmächtiges Kerlchen mit Indiana Jones T-Shirt und Geige die Bühne und stellte sich als Final Fantasy vor. Owen Pallet, so sein richtiger Name, dürfte wohl den wenigsten im Saal bekannt gewesen sein, aber wie er da ganz alleine auf der Bühne stand, gut gelaunt, mit seiner Geige Loops produzierte, über die er Melodiebögen spielte, die er wiederum loopte und dann schliesslich mit seinem sanften Stimmchen, das urplötzlich zu veritablem Geschrei fähig war, drübersang, so sicherte er sich binnen kürzester Zeit die Sympathien des Publikums. Übrigens sollte man Pallet später auch als Instrumentalist bei Arcade Fire wieder antreffen, auf deren Album "Funeral" war er auch für die Streicherarrangements verantwortlich.

Nach einer angenehm kurzen Umbaupause betraten dann endlich Arcade Fire die Bühne. Angemessenen Schrittes, einer nach dem anderen, aber eigentlich doch gänzlich unspektakulär. Auf der Bühne suchte alle sieben Protagonistinnen und Protagonisten ihren Platz und ihr Instrument. Nach einem kurzen Moment der Hektik kehrte Ruhe ein. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm, ach was, vor dem Orkan. Wie der oben abgebildeten Setlist (die ist wirklich original!) zu entnehmen ist, begannen Arcade Fire das Konzert mit "Wake Up". Und wie! Schon bei den ersten Akkorden begann es mich zu frieren und als dann dieser wahnsinnig ergreifende "Oh oh oh"-Chor einsetzte gabe es kein Halten mehr. Da standen sieben Leute vor mir, die aus voller Kehle, inbrünstig als ginge es darum, die Welt oder gar das Universum zu retten, diese wunderbare Melodie singen. Ohne allzu pathetisch zu werden, aber das war einfach überirdisch... Und daran sollte sich auch bei den nächsten Songs, die zum grossen Teil vom aktuellen Album, zu einem kleineren von der älteren Demo-EP stammten, nichts ändern.



Ganz nüchtern betrachtet sind Arcade Fire ein reichlich schräger Haufen, bestehend aus Leuten in schlecht sitzenden Anzügen, die entweder Kunst- oder Theologiestudenten sein könnten und nebenbei noch Musik machen. Und da niemand ein Instrument besonders gut beherrscht, wechseln sie sich einfach ab. Der lange Dünne mit der Harry Potter-Brille spielt mal Kontrabass, mal Gitarre, mal drischt er mit Drumsticks wahlweise auf einen Motorradhelm, die Bühne oder die Monitoren ein oder stampft wie ein Derwisch auf den Bühnenbrettern. Régine Chassagne, dieses kleine Persönchen, von der - würde man sie auf der Strasse antreffen - wohl niemand vermuten würde, dass zu Konzerten ihrer Band Leute wie David Bowie oder David Byrne pilgern, singt, spielt Keyboard, Akkordeon oder auch mal Schlagzeug (dazu zieht sie die Schuhe aus). Ihr Ehemann Win Butler ist auch nicht gerade der Typ "cooler Rockstar", auch kein Schönling à la Conor Oberst, und doch versteht er es, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, mit seiner ungelenken Art, Gitarre zu spielen und vor allem natürlich mit seiner Stimme, die das Spiel von sanft-säuselnd bis furios-aufbrausend bestens versteht. A propos Stimme: singen tun sie alle, wirklich alle. Die Violinisten brauchen dazu nicht mal ein Mikrophon, die singen einfach in die Tonabnehmer ihrer Instrumente. Und es ist einfach herzzerreissend, wie sie alle singen. Das hat was unheimlich Naives, fast schon Urtümliches. Irgendwie auch was Sektiererisches, aber es handelt sich um eine sehr verführerische Sekte.



Von folkig ("Haiti") bis urban-tanzbar ("Power Out"), die Palette von Arcade Fire's Musik ist ausserordentlich breit und live war die Dynamik, die schon auf Platte enorm ist, noch stärker, noch mitreissender. Kein Wunder, dass der Applaus nach "Rebellion Lies", dem letzten Song des regulären Sets, ohrenbetäubend war. Für zwei Songs liessen sich die Kanadier nochmals auf die Bühne holen, den Abschluss machte "Neighborhood #1 (Tunnels)", der Opener des Albums "Funeral", dessen Gitarrenmelodie sich nicht nur mit nachhaltig einprägte: Nach dem Konzert, als sich die Besucher, noch benommen vom eben Erlebten, nach draussen an die frische Abendluft begaben, hörte ich den einen oder anderen diese Melodie pfeifen, summen oder singen. Und bin wohl auch nicht der einzige, bei dem sich der Chor von "Wake Up" auch jetzt, 24 Stunden später, noch tief zwischen den Ohren eingegraben hat.

An dieser Stelle kann ich eigentlich den Schluss meiner Rezension zu "Funeral" fast eins zu eins übernehmen: Arcade Fire sind grandios, überwältigend, ein Sinnesrausch, mitreissend. Echt!

PS: Die ultimative Konzertberichterstattung hätte eigentlich lauten müssen: ich bin sprachlos!

www.arcadefire.com
www.mascotte.ch