tocotronic

Die Band ist der Star.
Die Musikpresse ist sich noch nicht ganz einig: Sind Tocotronic nun die beste Band der Welt oder doch nur die wichtigste deutschsprachige Band der Gegenwart? Tatsache ist: Kaum jemand findet auch nur ein schlechtes Wort zum neuen Album "Schall und Wahn" (Rock-O-Tronic/Universal).

Wer nun ein solches von mir erwartet, wird enttäuscht werden. Der dritte Teil ihrer "Berlin-Trilogie" (das sollte man nicht zu ernst nehmen, Dirk von Lowtzow dazu im 20 Minuten-Interview schelmisch: "War «Star Wars» wirklich von Anfang an als doppelte Trilogie gedacht? Ich glaube kaum.") ist ein Werk das einen vom ersten Ton weg in seinen Bann zieht. Und das ganz subtil, denn im Gegensatz zum krachenden Auftakt "Mein Ruin" vom Vorgänger "Kapitulation" beginnen Tocotronic ihr neustes Werk ganz sanft, mit einer einfachen Gitarrenmelodie, in die die Band mit geradezu demonstrativer Unaufgeregtheit einstiegt. Was schon bei den ersten Tönen fasziniert, ist der warme, räumliche Klang der Albums. Langsam ziehen Tocotronic die Schlinge dann zu, Gitarrist Rick McPhail lässt ein erstes Mal seine wunderbaren feedbackgeschwängerten Melodien erklingen und alles mündet in diesen einen Moment: Wenn von Lowtzow zum ersten Mal die Stimme erhebt und "Eure Liebe tötet mich" in einer grabestiefen Stimmlage ertönen lässt. Einen kurzen Moment lang scheint die Zeit still zu stehen, ehe Schlazgeuger Arne Zank und Bassist Jan Müller mit einem fast schon beiläufig wirkenden Einsatz die Zügel wieder in die Hand nehmen.

Gerne werden bei Tocotronic ja die Texte hervorgehoben. Von Anhängern der frühen Alben wird bemängelt, dass die charmanten Geschichten von damals eher abstrakten philosophisch anmutenden Abhandlung gewichen sind. Umgekehrt wird gerade die Abkehr vom allzu Alltäglichen als Aufstieg in die hohe Literatur bejubelt. Mir persönlich ist es eigentlich egal, was von Lowtzow singt, denn er hat seinen stimmlichen Ausdruck mittlerweile derart perfektioniert, dass er auch aus einem Kochbuch singen könnte und es nach Hochkultur klingen würde. Klar, Lo-Fi-Fetischisten mag das schon wieder zu perfekt sein, aber denen verbietet ja niemand, immer und immer wieder "Digital ist besser" aufzulegen. Es ist jedenfalls enorm beeindruckend, wie die Texte auf "Schall und Wahn" proklamiert werden, wie von Lowtzow mit Tonlagen variiert und auch mal ins Flüstern verfällt.

Das Beste an den aktuellen Tocotronic ist aber, dass Dirk von Lowtzow trotz seiner Präsenz keineswegs der Star der Show ist. Die Band hat sich mittlerweile einen derart perfekt passenden musikalischen Anzug geschneidert, dass alle zusammen darin gut aussehen. Rick McPhail überrascht immer wieder mit kleinen melodischen Einsprengseln und mit Atmosphäre-schaffenden Feedbacks, die den Bandsound in die Nähe von Shoegaze-Helden wie Ride oder Slowdive rückt. Und die Rhythmussektion schafft es wie kaum eine andere, druckvoll zu spielen und doch jegliche Stadionrock-Klischees zu vermeiden. Unterstützt wird sie dabei vom bereits erwähnten, sehr räumlich gehaltenen Sound von Produzent Moses Schneider, dessen Beitrag man zur "Berlin-Trilogie" wohl nicht hoch genug gewichten kann.

Wenn dann im weiteren Verlauf von "Schall & Wahn" mit "Mach es nicht selbst" der Selbstverwirklichungswahn veräppelt, das Wort "oszillieren" zelebriert und "Im Zweifel für den Zweifel" plädiert wird, dann wird überdeutlich, dass Tocotronic mit ihrem neusten Werk sowas wie die Krönung ihres Schaffens gelungen wird. Definitiv ein ganz heisser Anwärter aufs Album des Jahres!

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