strokes

Befreiungsschlag? Comeback? Oder einfach nur ein gutes Album?
Es zeugt von Selbstbewusstsein, wenn man das langerwartete dritte Album am 30.12. veröffentlicht. Zum einen "krönen" The Strokes damit das Jahr 2005, zum anderen läuten sie das Jahr 2006 ein und machen klar: an uns sollt ihr euch messen, im kommenden Jahr. Im Prinzip steht ihnen das auch zu, denn mit "Is This It" haben sie sicherlich eines der bahnbrechendesten Debut-Alben aller Zeiten veröffentlicht und auch wenn der Nachfolger "Room On Fire" nicht überall auf Begeisterung stiess (mir persönlich gefällt er nach wie vor fast besser als das Debut), konnten sie ihren Status als eine der führenden (Underground-)Rockbands damit behaupten. Wie aber geht es weiter mit The Strokes, wenn „First Impressions...“ veröffentlicht sein wird? Ich vermute immerhin dies: es geht weiter. Denn das Album bietet genug Stoff um die Fans bei Laune zu halten und die Kritiker zu beschäftigen. Auf ein weiteres Meisterwerk müssen wir vorerst aber noch warten...

Was bietet "First Impressions Of Earth" nun aber musikalisch? Folgendes:

"Juicebox" war ja schon seit längerem im Netz zu finden. Der Song erinnert mich ein wenig an Weezer's "Hash Pipe", das kurz vor Erscheinen des grünen Albums mit einem ebenso charakteristischen Riff und der ungewohnten Stimmführung für Verwirrung sorgte. Auch "Juicebox" sorgte erst mal für Ratlosigkeit und Diskussionen in den Musikforen. Mit ein bisschen Abstand (und nachdem nun das ganze Album vorliegt) wird klar: der Song ist zwar ungewöhnlich, aber er gehört zu den Highlights von „First Impression...“. Dazu gehören auch der Opener „You Only Live Once“, dessen ersten Takte mich an Queen’s „I Want To Break Free“ erinnern (keine Angst, anschliessend schlägt der Song gewohnte Pfade ein und schliesst am deutlichsten an die bisherigen Alben an), sowie Song Nr. 3, die Single „Heart In A Cage“.

Julian Casablancas versteckt seine Stimme nicht länger hinter Fuzz- und weiteren Effekten. Lustigerweise rückt er dadurch näher an Alex Kapranos und die immer wieder verbreitete, wenn auch meines Erachtens musikalisch bis anhin kaum haltbare Franz Ferdinand-Analogie macht plötzlich irgendwie Sinn. Auch rhythmisch betreten The Strokes Neuland, etwa mit den Viertel-Triolen, die „On The Other Side“ oder – in etwas wütenderer Version – „Heart In A Cage“ nach vorne treiben. Die stoischen Achtel, die sich wie ein roter Faden durch die zwei Vorgänger gezogen haben, sind jedenfalls nicht mehr sakrosankt.

„Vision Of Division“ entwickelt sich nach zwei, drei Hördurchgängen zu einem weiteren Knaller. Casablancas' Stimme überschlägt sich im Refrain, vor der zweiten Strophe überrascht der Song mit einem schrägen Gitarren-Solo, das AC/DC’s „Thunderstruck“ mit orientalischen Skalen kreuzt. Mit der Ballade "Ask Me Anything" folgt dann leider der Tiefpunkt des Albums, es wird gar richtig grausig. Interessantes Detail am Rande: Die Strokes gelten ja als Band, bei denen alles perfekt geplant ist und wo Spontanität wenig Platz hat. Ausgerechnet „Ask Me Anything“ ist aber das Ergebnis eines solchen Spontan-Einfalls und macht deutlich, das die Band den Perfektionismus einfach braucht, um gut zu sein.

„Killing Lies“ dümpelt dann wieder eher nebensächlich rum, ehe „Fear Of Sleep“ in der Strophe nochmals die alten Zeiten hochleben lässt. Hier gibt’s die charakteristischen Strokes-Gitarrenriffs mal wieder in Reinform zu hören. Das anschliessende „15 Minutes“ beginnt bedächtig im 3/4-Takt, Casablancas klingt wie ein besoffener Chansonier, der über das Auf und Ab im Pop-Business sinniert: "Cause today they'll talk about us, and tomorrow they won't care. This whole life is a dream?" Der Song wechselt nach etwas mehr als 2 Minuten in einen treibenden 4/4-Takt und reisst irgenwann alles mit, Widerstand ist zwecklos.

„Ize Of The World“ beginnt wie ein Hardrock-Song aus dem 80ern, hängt eine entspannte Stophe dran (wieder kommt mir Weezer in den Sinn, diesmal "Island In The Sun") und mündet in einen absolut zwingenden Refrain, in dem Casablancas sich mal wieder die Lunge rausschreit. Dem schliesst sich ein Gitarren-Solo an, wie es auch auf dem grünen Weezer-Album Platz gehabt hätte. Ganz gross dann die Sekunden zwischen 2:43 und 2:50, wenn sich Casablancas die Tonleiter hochhangelt. Sicher der vielseitigste, vielleicht auch der tollste Song des Albums. Dazu passt das abrupte Ende (in den Musikforen wird ja schon eifrig darüber diskutiert, ob es sich dabei wohl um einen Pressfehler handelt).

Wie gesagt, ich glaube nicht dass „First Impression Of Earth“ als Meisterwerk in die Musikgeschichte eingehen wird, es stellt wohl eher ein Übergangswerk dar. Aber ich musste meine Meinung darüber doch ein paar Mal revidieren (meine Benotung lag zeitweilig bei 5/10) und zücke schliesslich eine vorsichtige

7/10

Ähnliche Interpreten:
Velvet Underground
Franz Ferdinand
The Cars

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