Melodie & Melancholie: Die verträumteste Rockband der Welt legt ihr viertes Album vor.
Vor gut einem Jahr verbrachte ich zwei Wochen in einem schwedischen Tonstudio, in welchem haufenweise alte Ausgaben des amerikanischen Musikmagazins "Guitar World" rumlagen. Ich hab sie fast alle durchgeblättert, die interessanten Artikel gelesen und im Editorial einer Ausgabe aus dem Jahr 1995 folgendes entdeckt:
"An dieser Stelle möchten wir die Leser darauf aufmerksam machen, dass in diesem Monat gleich zwei unserer Redaktoren CDs veröffentlichen. Zum einen X mit seiner Band Y und dem Album Z, zum anderen Mathew Caws mit seiner Band Nada Surf und ihrer ersten EP "Karmic". Wir wünschen den beiden viel Erfolg!" (an den genauen Wortlaut erinner ich mich nicht mehr, aber inhaltlich wars etwa so)

Ob Redaktor X Erfolg hatte, weiss ich nicht. Mathew Caws, der seinen Job bei Guitar World bald darauf kündigte, hatte ihn schon sehr bald. "Popular" vom 1996 nachgeschobenen Debut-Album "High/Low" wurde zum MTV-Hit und das - aus heutiger Sicht noch reichlich unausgereifte - Album verkaufte sich ganz gut.

Dass Nada Surf dieser Tage ihr viertes Album "The Weight Is A Gift" veröffentlichen, ist dennoch keine Selbstverständlichkeit. Nach "High/Low" gings nämlich erst mal bergab. Die Plattenfirma verkannte das grossartige Nachfolgeralbum "The Proximity Effect" und liess die Band fallen. Immerhin gelang es der Band, die Rechte am Album zurückzukaufen und es schliesslich doch noch zu veröffentlichen. In den USA sind sie zwar seither eine eher kleine Nummer, aber in Europa schien man auf Nada Surf's melancholischen Gitarren-Pop gewartet zu haben. Zum Dank veröffentlichte das New Yorker Trio auf dem letzten Album "Let Go" einen Song auf Französisch und tourte immer öfter diesseits des Atlantiks, was es zuletzt auch auf der Live-Platte "Live in Brussels" dokumentierte.

Nun steht die Veröffentlichung des vierten Albums "The Weight Is A Gift" bevor. Am 19. September soll es in den Läden stehen, produziert wurde es von Chris Walla (Gitarrist von Death Cab For Cutie und Produzent von u.a. Decemberists, The Thermals, Long Winters). Er hat seine Arbeit gut gemacht, dies gleich vorweg. "The Weight..." ist etwas schlichter als der Vorgänger "Let Go" produziert, die Songs klingen roher. Wobei "roh" und "Nada Surf" etwa so gut zusammenpasst wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Nada Surf sind nämlich äusserst sanft, geradezu lieblich. Sowohl die vorwärts preschenden Songs wie der Opener "Concrete Bed" oder der Hüftschwenker "Blankest Year" wie auch die ganz leisen Songs "Your Legs Will Grow" oder "Comes A Time" werden dominiert von Caws sanfter Stimme und seinem sorgfältigen Gitarrenspiel. Der Mann klingt wie der nette Junge von nebenan, manchmal möchte man ihn am liebsten knuddeln. Das schöne daran: Es wird nie seicht und dank der äusserst kompakten Rhythmussektion erhalten die Songs den richtigen Schwung, um eben doch nicht einfach nur "nett" zu klingen. Gitarrenpop wie man ihn einfach lieben muss, es sei denn man ist ein notorischer Griesgram. Dass die Platte im Vergleich zu den zwei Vorgängern nichts Neues zu bieten hat, stört mich wenig.

Wer Nada Surf mag, wird von "The Weight Is A Gift" sicher nicht enttäuscht werden, auch wenn das Album vielleicht nicht ganz so gut ausgefallen ist wie "The Proximity Effect" oder "Let Go". Wer Nada Surf nicht kennt, aber schöne, gitarrenlastige Popsongs mag, dem sei der Erwerb des Albums ebenfalls ans Herz gelegt.

8/10

Ähnlichen Interpreten:
Death Cab For Cutie
The Posies
Superdrag

www.nadasurf.com