editors interpol national

Interpol vs. Editors vs. The National
Ian Curtis ist zwar seit nunmehr 27 Jahren tot, aber momentan ist er omnipräsenter denn je. Demnächst kommt der Film "Control" ins Kino und auch musikalisch stolpert man derzeit an jeder Ecke über Sänger, deren Gesang einen unweigerlich an den Joy Division Frontmann erinnert...

Beginnen wir mit der englischen Band EDITORS, die dieser Tage ihr zweites Album "An End Has A Start" (Kitchenware/Musikvertrieb) veröffentlicht. Im Interview, das wir im November 2005 mit der Band geführt hatten, gaben Editors zu Protokoll, dass sie in Zukunft beide Extreme ihrer Musik – die treibenden Disco-Beats und die schwermütigen Passagen – vermehrt ausloten möchten. Nun, auf dem neuen Album finden sich weiterhin beide Pole, wobei ich nicht den Eindruck habe, dass die tanzbaren Songs tanzbarer und die langsamen Songs langsamer geworden sind. Die Extreme sind etwa gleich weit entfernt wie auf dem Debut, neu hingegen sind die Schattierungen dazwischen. Die Songs sind vielschichtiger, insofern ist es ganz passend, dass das Cover diesmal farbig ausgefallen ist, während es beim Debut noch in schwarz/weiss gehalten war. Einen Hit wie "Munich" vom Debut sucht man vergeblich, aber die Platte gefällt.

INTERPOL sind bereits beim dritten Album angelangt. Mit "Turn The Bright Lights On" und "Antics" haben sie zwei verdammt starke Platten im Gepäck, mit "Our Love To Admire" (Capitol/EMI) nun leider auch eine etwas schwächere... Die Single "The Heinrich Maneuver" und ein paar weitere Songs ("The Scale" oder "All Fired Up" z.B.) sind ganz ok, aber insgesamt wird man den Eindruck nicht los, eine Zusammenstellung von Songs zu hören, die's nicht auf die ersten beiden Alben geschafft haben. Irgendwann beginnt auch das Markenzeichen von Interpol – die stoischsten 4/4-Takte die eine Rhythmusgruppe spielen kann – zu langweilen. "Our Love To Admire" ist (leider) definitiv näher bei "Ode To Ochrasy" (Mando Diao) als bei "First Impressions Of Earth" (The Strokes). Sprich: Ein eher fades Aufköcheln von Bewährtem, statt eine Frischzellenkur. Schade, da hat man sich mehr erhofft...

EDITORS hin, INTERPOL her, in Sachen schwermütige Rockmusik haben andere die Nase vorn: THE NATIONAL! Ihr Album "Boxer" (Beggars Banquet/Musikvertrieb) ist schon ein paar Wochen älter, hat leider bis anhin nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit erhalten, die ihm gebührt. Ok, so ganz passen THE NATIONAL nicht in die Editors/Interpol-Schublade, ihre Songs sind fragiler, intimer, weniger für grosse Stadien als vielmehr für die gute Stube geschrieben (spätabends, mit Rotwein). Sänger Matt Berninger verfügt über die eindringlichste Baritonstimme, die man sich vorstellen kann und die zwei Gebrüderpaare Aaron & Bryce Dessner sowie Scott & Bryan Devendorf unterlegen seinen Gänsehautgesang mit vielschichtigen Klängen irgendwo zwischen frühen U2, American Music Club und The Bad Seeds. Die Instrumentenpalette ist umfangreich, so endet der Opener "Fake Empire"
überraschend mit einer grandiosen Bläser-Stakkato-Passage und immer wieder sind Streicher- und Piano-Klänge zu vernehmen. Das Krönchen wird den Songs vom Schlagzeuger aufgesetzt, der sich den Preis für das dynamischste Drumming seit "Something To Write Home About" von The Get Up Kids verdient. Alles in allem nebst Logh's "North" meine bislang liebste Platte des Jahres!

Video-Ecke:
EDITORS: "Smokers Outside The Hospital Doors"
INTERPOL: "The Heinrich Maneuver"

THE NATIONAL: "Mistaken For Strangers"