11. Oktober 2005
BROKEN SOCIAL SCENE – s/t (City Slang/TBA)

Popmusik für Fortgeschrittene.
Wenn Bands zu Netzwerken werden, dann ist klar: Das Zeitalter der Individualisten ist vorbei. Zumindest in Kanadas Musikszene sind Kollektive hoch im Kurs: Arcade Fire, New Pornographers oder eben Broken Social Scene (BSS) heissen sie und zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sie Popmusik auf höchstem Niveau machen. Verspielt, vielschichtig, ohne Scheuklappen und irgendwie zeitlos (nun, aus der Distanz wird man wohl sagen: gerade dadurch an die heutige Zeit gebunden, dass sie ungehemmt das Beste aus den vergangenen Jahrzehnten aufnehmen...).
Das neue, selbstbetitelte Album von Broken Social Scene knüpft an den Vorgänger „You Forget It In People“ an. Strukturen fliessen, Melodieschnipsel ziehen ihre Runden, Gitarren und Synthies flirten was das Zeug hält, Ideen werden übereinander geschichtet wie T-Shirts zu Zeiten des Grunge-Looks. Beim ersten Hören kommt da soviel zusammen, dass man erst mal leer schluckt. Bis man vom Ehrgeiz gepackt wird, diese Songs zu ergründen, ihnen auf die Schliche zu kommen, sie nachzuvollziehen.
Damit die Suche nach dem roten Faden nicht zu anstrengend wird, haben BSS gnädigerweise auch den ein oder anderen Pop-Song eingestreut, wie etwa „7/4 (Shoreline)“, das den zugrunde liegenden Takt gleich im Titel trägt und sich luftig, fast schwerelos gibt. Doch grundsätzlich gilt bei BSS: So breit wie die Palette von Mitwirkenden ist auch die musikalische Kost: „Ibi Dreams Of Pavement (A Better Day)“ etwa erinnert aufgrund der Stimme ans letzte Werk von Appleseed Cast, während bei "Windsurfing Nation" gar eine gerappte Strophe auszumachen ist. Das Tolle daran: Das Album wirkt zu keinem Zeitpunkt zerfahren, beliebig oder opportunistisch. Würden die Songs für meinen Geschmack nicht zuweilen etwas zu sehr vor sich hinplätschern, so wäre dafür wohl gar die Höchstnote gerechtfertigt.
9/10
Ähnliche Interpreten:
Apostle Of Hustle
Flaming Lips
www.arts-crafts.ca/bss



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