Die ehemaligen HC-Pioniere zeigen Gefühl.
Boysetsfire hatten es in den letzten Jahren nicht einfach. Zuerst trennte man sich aufgrund künstlerischer Differenzen vom Majorlabel, danach verliess Bassist Rob Avery die Band. Dessen Job übernahm gleich der damalige Roadie und Ex-My Hero Died Today-Mitglied Robert Ehrenbrand, und prägte sich die Songs quasi vom einen Tag auf den anderen ein. Nach dem neuen Mann am Bass wurden die fünf Jungs aus Delaware schliesslich mit Burning Heart auch nach einem neuen Label fündig.

Hartgesottene Hardcorefans werden Boysetsfire nun endgültig als Verräter beschimpfen. Nachdem sie mit ihren ersten Werken die moderne HC-Szene massgeblich mitgeprägt hatten, bewegen sie sich mit ihrem Neuling nun noch klarer als bei “Tomorrow Comes Today“ vom Hardcore weg. Die Aggressionsbewältigung findet nur noch zwei mal in Form von kurzen, harten Schreiattacken-Songs statt („Final Communique“ und „Falling Out Theme“). Ansonsten wir mehr denn je auf Melodie und schreifreie Emotionen gesetzt. Der Entscheid, die Platte mit einem anderthalb Minuten langen Akustik-Teil zu eröffnen, bevor der Song so richtig abgeht, verdient schon mal ordentlich Respekt. Die darauffolgende Singleauskopplung „Requiem“ wird, wie so vieles auf dieser Scheibe, ein Dorn im Auge des Fans der ersten BSF-Stunde sein. Trotzdem ein Klassesong. A propos Klassesongs: Davon sind auch sonst jede Menge vorhanden. „(10) And Counting“ ist ein lupenreiner Emopoprocksong mit einem Refrain zum Niederknien, „Deja Coup“ überrascht mit einem Rhythmus, der jede Indiediscotanzfläche füllen kann, und (kein Scheiss) Bläsern, was dem Song natürlich automatisch einen leichten Ska-Touch verleiht. Sowieso machen Boysetsfire keinen Halt vor Experimenten und neuen Ansätzen. Beim passend betitelten „Nostalgic For Guillotines“ kommen sogar Streicher und Piano zum Einsatz. Etwas unnötig ist dann leider der Abschluss. Den siebeneinhalbminütigen Metalcore-Schinken „A Far Cry“, inklusive Spoken Words im Mittelteil, hätte man sich sparen können. Im Vergleich zum Vorgänger ist diese Platte nicht überproduziert, trotzdem ist die Produktion äusserst fett geraten, was den Songs noch ein wenig mehr Dynamik verleiht.

Auch wenn sich die politischen Botschaften inzwischen in Grenzen halten, auch wenn das hier nicht mehr bahnbrechender Hardcore ist; Boysetsfire gehören weiterhin zur Spitzengruppe in Sachen Emorock. Melodiös, aber trotzdem hart. Emotional, aber nicht weinerlich. Genau so soll’s sein!

7/10

Ähnliche Interpreten:
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www.boysetsfire.org