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Eine Sekte die man lieben muss.
Nebst Modest Mouse' "Good News For People Who Love Bad News" ist Arcade Fires Erstlingswerk "Funeral" wohl die Platte, die ich in den letzten Jahren am meisten gehört habe. Ob man sich daran jemals satt hören kann? Ich bezweifle es. Kommt dazu, dass mir Arcade Fire eines der besten Konzerterlebnisse der jüngeren Vergangenheit beschert haben und mich - dank der damals mitgenommenen Setlist - dereinst reich machen werden. Ok, letzteres ist eine Spekulation, aber wenn man sich "Neon Bible", das heute erscheinende Zweitwerk der Kanadier, anhört, dann wird klar, dass die Aufregung um Arcade Fire so rasch nicht abklingen wird und der Wert von AF-Devotionalien eher noch steigen wird.

Der Einstieg fällt mit "Black Mirror" erstaunlich kühl aus. Gleichförmig stampfend, mit zwei kurzen Ausbrüchen und einem dramatischen Finale, lässt uns der Song erst mal im Ungewissen, wohin die Reise führen wird. Mit dem zweiten Song "Keep The Car Running" nehmen Arcade Fire die Masken ab und laden zum Tanz ein, ehe sie mit "Neon Bible" einen ruhigen, sehr schönen und angenehm kurzen Song nachschieben, in dem Win Butlers leicht entrückte Stimme besonders gut zur Geltung kommt. Der Song dient fast schon als Intro für das folgende "Intervention", in dem Arcade Fire mit ganz grosser Kelle anrühren. "Neon Bible" wurde bekanntlich in einer Kirche eingespielt und die Kirchenorgel sorgt in "Intervention" für das Fundament, auf welchem sich das ganze Instrumentarium austoben kann. Wer nicht spätestens ab der dritten Minute, wenn die Streicher das Ohr des Hörers umscheicheln und ein Chor unter Führung von Régine Chassagne Butler's Worte nachsingt, Gänsehaut kriegt, sollte die Platte wohl besser zur Seite legen und sich wieder seiner Rammstein-Sammlung widmen.

Wenn man nach vier Songs allmählich davon überzeugt ist, dass "Neon Bible" "Funeral" das Wasser reichen kann, drehen Arcade Fire erst richtig auf! "Black Wave/Bad Vibrations" startet als naives, von Régine gesungenes Liedchen ehe nach zwei Minuten Win den Gesang übernimmt und eine unerwartete, geradezu dramatische Wendung zum Hymnischen eingeleitet wird. Das anschliessende "Ocean Of Noise" ist eine wunderschöne soulige Ballade. Dass bei der Produktion von "Neon Bible" nicht gekleckert sondern geklotzt wurde, macht das Finale dieses Songs deutlich: Die wenigen Blechbläser-Noten wurden von den Calexico-Mitgliedern Jacob Valenzuela und Martin Wenk höchstpersönlich eingespielt.

Mit "The Well And The Lighthouse" finden Arcade Fire zu den optimistischen und tanzbaren Klängen zurück. Vielleicht der Song der am deutlichsten am Vorgänger-Album anknüpft. Neue Töne hingegen schlägt der "(Antichrist Television Blues)" an, der in der Strophe klingt wie ein waschechter Bruce Springsteen-Song (aus der "Born To Run"-Ära), im Refrain mit zwei Klaviertönen auffährt, die unweigerlich Abba's "Dancing Queen" in Erinnerung rufen und in einen eigenartigen Sirenengesang gipfelt. "Windowsill" ist ein folkiger Protestsong ("I don't wanna…" sind die Worte, die im Text am meisten verwendet werden). Den zweitletzten Song "No Cars Go" kennt man bereits von der selbstbetitelten EP. Allerdings wurde er für "Neon Bible" merklich schneller eingespielt und leicht umarrangiert. Das höhere Tempo steht dem Song gut, was mich aber geradezu umhaut sind die Fanfaren-artigen Klänge, die ab Zählerstand 2.58 acht Takte lang zu hören sind. So schlicht und doch so ergreifend! Selbiges lässt sich über den letzten Song "My Body Is A Cage" sagen, in dem wiederum die Kirchenorgel den Ton angibt und der die Platte Gospel-artig ausklingen lässt. A propos Gospel: Man sollte sich vom Albumtitel und der spirituellen Ader der Band (manche sprechen ja bereits nicht mehr von Band, sondern benutzen lieber den Begriff Sekte) nicht abschrecken lassen, man kann die Platte auch dann toll finden, wenn man mit Religion nichts am Hut hat!

Nicht der Einfallslosigkeit halber, sondern weil's schlicht stimmt, bleibe ich bei meinem bewährten Schlusssatz: Arcade Fire sind grandios, überwältigend, ein Sinnesrausch, mitreissend. Echt!

www.neonbible.com
www.arcadefire.com
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