Wunderschönes Album eines musikalischen und menschlichen Grenzgängers.
Die Gästeliste auf "I Am A Bird Now" liest sich ja schon mal nicht schlecht: Lou Reed, Boy George, Rufus Wainwright, Devendra Banhardt. Und doch sind sie neben Antony, dem Protagonisten, nur Fussnoten auf diesem wunderbaren Album, das auf zauberhafte Art und Weise sanfte Piano-Klänge, balladesken Soul, Gospel und Pop-Songwriting verbindet. Darüber thront in entrückter und entzückender Art Antony's Stimme. Die die (offen gelebte) Transsexualität des Sängers spürbar macht (und textlich auch thematisiert), die eigentlich viel zu theatralisch ist, zu stark vibriert und doch einfach nur berührt und begeistert. Und die oft mit Jazz- und Soulgrössen wie Nina Simone, Otis Redding verglichen wird, was nicht falsch ist und irgendwie doch zu kurz greift. Antony ist einzigartig, oder zumindest kenn ich nichts Vergleichbares.

Einzelne Songs aus "I Am A Bird Now" herauszuheben ist schwer, das Album brilliert am Stück. Die zurückhaltende Instrumentierung orientiert sich stark an Antonys Gesangslinien. Dominant ist das Piano, die Songs werden mit Streichern, Gitarre und gelegentlichen Bläsern liebevoll abgeschmeckt, das Schlagzeug bleibt meist im Hintergrund (Ausnahme: "Fistful Of Love", eine bewegende Soul-Schnulze der alten Schule). Trotz der grundsätzlichen Sanftheit der Songs und der Instrumente, wird zuweilen eine geradezu berauschende Intensität erreicht, etwa in "For Today I Am A Boy" (mit der bezüglich Antonys sexueller Identität vielsagenden Textzeile "One day I'll grow up, and be a beautiful girl").

"I Am A Bird Now" erschien im Februar auf Secretly Canadian, ist jetzt von Rough Trade (u.a. Arcade Fire, Adam Green) für Europa lizenziert worden. Wer das Album im Februar verpasst hat, sollte diese zweite Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen!

9/10

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