22. Juni 2006
THE APPLESEED CAST - Interview im Le Romandie (Lausanne), 31.05.2006
Ihr neues Album "Peregrine" stiess nicht nur bei den BANDS Magazine-Autoren auf Begeisterung, auch die deutsche Musikzeitschrift VISIONS war davon so sehr angetan, dass sie "Peregrine" zum Album des Monats erkoren und damit zum ersten Mal einen Release eines Schweizer Labels (Gentlemen Records) gekrönt hat. Im Mai waren The Appleseed Cast auch auf Schweizer Bühnen anzutreffen. Vom Konzert in Baden berichtete Fabio bereits, hier nun das Interview, das ich vor dem Konzert in Lausanne mit dem Gitarristen Aaron Pillar geführt habe.

BANDS Magazine: Nachdem euer letztes Album „Two Conversations“ erschienen ist, wurde es plötzlich sehr ruhig um euch, ihr habt Shows gecancelt und über ein halbes Jahr lang wurde eure Homepage nicht mehr aktualisiert. Was war damals los?
Aaron Pillar: Als wir damals von den Shows in Europa nach Hause kamen, spielten wir noch eine Show in unserer Stadt. Das war die letzte Show, die wir in der alten Formation spielten, dann verliess uns unser Drummer, mit dem wir einfach nicht mehr klar kamen. Zudem war unser Label pleite und ich war gerade dabei, eine schwierige Beziehung zu beenden. Es kam einiges zusammen damals. „A major shitstorm was going on“, wie man bei uns sagt... Wir haben dann die anstehende Tour abgesagt und fast sechs Monate lang gar keinen Kontakt mehr gehabt untereinander. Wir haben zwar nie öffentlich gesagt, dass die Band am Ende war, aber eigentlich war sie es. Ende 2004 rauften wir uns zusammen und beschlossen, die Band wieder zu beleben. Wir mussten uns entscheiden, ob wir die Band als Hobby oder als Job betreiben wollen.
Und wofür habt ihr euch entschieden?
Wir machen es als Job. Das ist nicht einfach, es ist oft frustrierend, aber eigentlich ist es besser als all die Jobs die ich in der Zwischenzeit gemacht hatte. Ich war Hauswart in einer Universität, hab dort Toiletten geputzt und so. Meine Schicht begann jeweils um 6 Uhr morgens! Zuvor habe ich bei einem Catering-Service als Koch gearbeitet, dort wurde ich allerdings gefeuert... Jetzt sind wir wieder unterwegs, sind zwar oft von zuhause weg, aber es fühlt sich doch viel besser an, denn alle hatten irgendwelche Scheissjobs.
Hat sich euer Songwriting verändert durch die Hinzunahme eines neuen Drummers und die Entscheidung, alles professioneller anzugehen?
Wir haben zuerst ein paar Shows gespielt, um wieder als Band zu funktionieren. Die liefen ziemlich gut und wir hatten auch das Glück, ein neues Label zu finden, was uns dann richtig motiviert hat. Wir hatten damals vier neue Songs und schrieben dann sechs Monate lang an weiteren neuen Songs. Es war anders mit dem neuen Drummer, er spielt wie ein Drumcomputer. Wir mussten uns zuerst an seinen Stil gewöhnen, wir mussten ihm auch manchmal sagen „ Es ist gut was du spielst, aber spiel bitte was anderes“, denn das war auch Teil unseres Neustarts: offen miteinander zu reden und auch zu kritisieren, wenn etwas nicht gut ist oder nicht zum Song passt. Es ist ein Job, wir arbeiteten daran, ein bestmögliches Album zu machen.
War das auch der Grund, weshalb ihr diesmal nicht wie gewohnt mit Ed Rose, sondern mit John Congleton zusammen gearbeitet habt?
Genau. Wir wollten von vorne beginnen, alles anders und natürlich auch besser machen. Deshalb brauchten wir ein neues Umfeld beim Aufnehmen. Es war einfach zu einfach mit Ed Rose, sein Studio ist im selben Ort wo wir wohnen, wir konnten abends nach Hause oder in eine Bar gehen. Wir wollten uns diesmal herausfordern, an einen anderen Ort gehen wo wir aufstehen, arbeiten und dann ins Bett gehen, sonst nichts. John war die ideale Lösung. Wir haben mit seiner Band The Paper Chase getourt und er hat uns immer darum gebeten, doch mit ihm zusammen zu arbeiten. Das war eine sehr gute Entscheidung, er hat was Frisches reingebracht. Er sagte zum Beispiel: „Ihr werdet live aufnehmen!“ und wir meinten nur: „nein, machen wir nicht“. Daraufhin er, ohne eine Miene zu verziehen: „Ihr werdet live aufnehmen“. Wir wieder: „nein, werden wir...“ und er „Ihr werdet live aufnehmen“... Widerspruch war also unmöglich. Er blieb dabei aber sehr ruhig, aber er kann dich anschauen und dich nur mit deinem Blick überzeugen, ohne dass du irgendwie eingeschnappt wärst. Er meinte auch, er wisse was uns fehle. Unsere Alben und unsere Live-Shows hätten nie zusammengepasst. Da sind zum einen diese facettenreichen Alben und zum anderen die Live-Shows, die viel roher und einfacher sind. Er wollte etwas von der Live-Energie in die Platte bringen.
John ist ja eigentlich bekannter als Mischer, viele Leute engagieren ihn nur dafür (er hat bspw. "The Raging Sun" von Logh gemischt. Anm. d. Verf.), aber er ist auch ein sehr guter Engineer! Er hat viel von Steve Albini gelernt, v.a. was Mikrofone angeht. Er hat auch ein Mikrofon aus einem Lautsprecher gebastelt, das wir für die Bass-Drum benutzt haben. Auch mit dem Bass hat er coole Dinge gemacht. Ich wünschte mir einen Sound wie ihn Flaming Lips zu Zeiten von Soft Bulletin hatten. Oder Gitarren wie die von Nirvana, gross und fett.
Habt ihr während der Aufnahmen noch Veränderungen an den Songs vorgenommen?
Die Grundstrukturen haben sich eigentlich nicht gross verändert, aber manche Drumpattern wurden noch geändert. Die weitaus grössere Veränderung betraf aber die Atmosphäre des Albums. Das Album klang in der Demo-Version viel fröhlicher, John hat ihm einen dunkleren, "spooky" Touch verliehen. Er hat sehr viel Zeit ins Mischen investiert. Das Mischen von "Peregrine" dauerte sieben Tage, so lang wie noch nie bei einem unserer Alben. „Two Conversations“ etwa hatten wir in bloss einem Tag gemischt!
Die Reaktionen aufs neue Album sind in Europa sehr gut ausgefallen, wie sieht's denn damit in den USA aus?
Gut, wir haben innerhalb von zwei Monaten schon fast drei Viertel von der Menge von „Two Conversations“ verkauft. Die Reviews waren mehrheitlich gut, sehr gefreut haben wir uns über die 7.3 bei Pitchfork, denn in den USA ist eine gute Kritik auf Pitchfork mittlerweile enorm wichtig... An der Ostküste haben wir jetzt die beste US-Tour gespielt. 24 Shows, Philly, Boston, New York, alle wichtigen Stationen also und fast überall war es ausverkauft. In Boston spielten wir einem Club der rund 700 Leute fasst und den wir fast ausverkauft hätten, obwohl am selben Abend Franz Ferdinand und Death Cab For Cutie ein paar Blocks weiter gespielt haben. Das war schon ziemlich befriedigend... In den USA ist Indie - oder wie auch immer du es nennen willst - sehr populär momentan, das Internet hat viel dazu beigetragen, wir können auf einfache Art und Weise viele Leute mit unserer Musik in Berührung bringen. Zudem haben uns auch die alten Fans nicht vergessen, uns weiterempfohlen und dadurch auch viel geholfen. Dazu kam, dass wir eine Weile weg waren, die Leute kamen also auch zu den Shows, weil es fast wie ein Comeback war...
Was sind eure weiteren Pläne in diesem Jahr?
Im Anschluss an diese Europa-Tour werden wir für Criteria eröffnen, später gehen wir dann wahrscheinlich mit The Jealous Sound auf Tour. Wir erhielten auch ein Angebot für eine Tour mit Dredg, die sind glaub ich recht gross, oder? Ich hab noch nie von denen gehört, aber die scheinen gross zu sein und vielleicht klappt das ja...
Eine Frage noch zum Schluss, die mich als Schweizer natürlich interessiert: Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit dem Lausanner Label Gentlemen Records zustande?
Fig (Gründer und Chef von Gentlemen Records, Anm. d. Verf.) ist ein sehr netter Kerl, wir kennen ihn seit unserem ersten Konzert in der Schweiz, in der Usine in Genf. Unser damaliger Veranstalter, David, hat uns mit ihm bekannt gemacht. Als "Two Conversations" erschien, hat Fig unser Label Tiger Style kontaktiert und sie gebeten, ihm die Lizenz für Europa zu geben. Das lief damals also eigentlich an uns vorbei, das Label hat alles gemanaget. Bei der aktuellen Platte haben dann aber wir unser neues Label The Militia Group dazu angehalten, sie wiederum an Gentlemen zu lizenzieren, denn die Leute von Gentlemen kennen Europa besser als wir. Fig macht einen sehr guten Job. And he's very cute! (lacht, Fig steht gleich daneben, scheint Aaron aber nicht gehört zu haben)...
www.theappleseedcast.com
www.gentlemen.ch
www.leromandie.ch

BANDS Magazine: Nachdem euer letztes Album „Two Conversations“ erschienen ist, wurde es plötzlich sehr ruhig um euch, ihr habt Shows gecancelt und über ein halbes Jahr lang wurde eure Homepage nicht mehr aktualisiert. Was war damals los?
Aaron Pillar: Als wir damals von den Shows in Europa nach Hause kamen, spielten wir noch eine Show in unserer Stadt. Das war die letzte Show, die wir in der alten Formation spielten, dann verliess uns unser Drummer, mit dem wir einfach nicht mehr klar kamen. Zudem war unser Label pleite und ich war gerade dabei, eine schwierige Beziehung zu beenden. Es kam einiges zusammen damals. „A major shitstorm was going on“, wie man bei uns sagt... Wir haben dann die anstehende Tour abgesagt und fast sechs Monate lang gar keinen Kontakt mehr gehabt untereinander. Wir haben zwar nie öffentlich gesagt, dass die Band am Ende war, aber eigentlich war sie es. Ende 2004 rauften wir uns zusammen und beschlossen, die Band wieder zu beleben. Wir mussten uns entscheiden, ob wir die Band als Hobby oder als Job betreiben wollen.
Und wofür habt ihr euch entschieden?
Wir machen es als Job. Das ist nicht einfach, es ist oft frustrierend, aber eigentlich ist es besser als all die Jobs die ich in der Zwischenzeit gemacht hatte. Ich war Hauswart in einer Universität, hab dort Toiletten geputzt und so. Meine Schicht begann jeweils um 6 Uhr morgens! Zuvor habe ich bei einem Catering-Service als Koch gearbeitet, dort wurde ich allerdings gefeuert... Jetzt sind wir wieder unterwegs, sind zwar oft von zuhause weg, aber es fühlt sich doch viel besser an, denn alle hatten irgendwelche Scheissjobs.
Hat sich euer Songwriting verändert durch die Hinzunahme eines neuen Drummers und die Entscheidung, alles professioneller anzugehen?
Wir haben zuerst ein paar Shows gespielt, um wieder als Band zu funktionieren. Die liefen ziemlich gut und wir hatten auch das Glück, ein neues Label zu finden, was uns dann richtig motiviert hat. Wir hatten damals vier neue Songs und schrieben dann sechs Monate lang an weiteren neuen Songs. Es war anders mit dem neuen Drummer, er spielt wie ein Drumcomputer. Wir mussten uns zuerst an seinen Stil gewöhnen, wir mussten ihm auch manchmal sagen „ Es ist gut was du spielst, aber spiel bitte was anderes“, denn das war auch Teil unseres Neustarts: offen miteinander zu reden und auch zu kritisieren, wenn etwas nicht gut ist oder nicht zum Song passt. Es ist ein Job, wir arbeiteten daran, ein bestmögliches Album zu machen.
War das auch der Grund, weshalb ihr diesmal nicht wie gewohnt mit Ed Rose, sondern mit John Congleton zusammen gearbeitet habt?
Genau. Wir wollten von vorne beginnen, alles anders und natürlich auch besser machen. Deshalb brauchten wir ein neues Umfeld beim Aufnehmen. Es war einfach zu einfach mit Ed Rose, sein Studio ist im selben Ort wo wir wohnen, wir konnten abends nach Hause oder in eine Bar gehen. Wir wollten uns diesmal herausfordern, an einen anderen Ort gehen wo wir aufstehen, arbeiten und dann ins Bett gehen, sonst nichts. John war die ideale Lösung. Wir haben mit seiner Band The Paper Chase getourt und er hat uns immer darum gebeten, doch mit ihm zusammen zu arbeiten. Das war eine sehr gute Entscheidung, er hat was Frisches reingebracht. Er sagte zum Beispiel: „Ihr werdet live aufnehmen!“ und wir meinten nur: „nein, machen wir nicht“. Daraufhin er, ohne eine Miene zu verziehen: „Ihr werdet live aufnehmen“. Wir wieder: „nein, werden wir...“ und er „Ihr werdet live aufnehmen“... Widerspruch war also unmöglich. Er blieb dabei aber sehr ruhig, aber er kann dich anschauen und dich nur mit deinem Blick überzeugen, ohne dass du irgendwie eingeschnappt wärst. Er meinte auch, er wisse was uns fehle. Unsere Alben und unsere Live-Shows hätten nie zusammengepasst. Da sind zum einen diese facettenreichen Alben und zum anderen die Live-Shows, die viel roher und einfacher sind. Er wollte etwas von der Live-Energie in die Platte bringen.
John ist ja eigentlich bekannter als Mischer, viele Leute engagieren ihn nur dafür (er hat bspw. "The Raging Sun" von Logh gemischt. Anm. d. Verf.), aber er ist auch ein sehr guter Engineer! Er hat viel von Steve Albini gelernt, v.a. was Mikrofone angeht. Er hat auch ein Mikrofon aus einem Lautsprecher gebastelt, das wir für die Bass-Drum benutzt haben. Auch mit dem Bass hat er coole Dinge gemacht. Ich wünschte mir einen Sound wie ihn Flaming Lips zu Zeiten von Soft Bulletin hatten. Oder Gitarren wie die von Nirvana, gross und fett.
Habt ihr während der Aufnahmen noch Veränderungen an den Songs vorgenommen?
Die Grundstrukturen haben sich eigentlich nicht gross verändert, aber manche Drumpattern wurden noch geändert. Die weitaus grössere Veränderung betraf aber die Atmosphäre des Albums. Das Album klang in der Demo-Version viel fröhlicher, John hat ihm einen dunkleren, "spooky" Touch verliehen. Er hat sehr viel Zeit ins Mischen investiert. Das Mischen von "Peregrine" dauerte sieben Tage, so lang wie noch nie bei einem unserer Alben. „Two Conversations“ etwa hatten wir in bloss einem Tag gemischt!
Die Reaktionen aufs neue Album sind in Europa sehr gut ausgefallen, wie sieht's denn damit in den USA aus?
Gut, wir haben innerhalb von zwei Monaten schon fast drei Viertel von der Menge von „Two Conversations“ verkauft. Die Reviews waren mehrheitlich gut, sehr gefreut haben wir uns über die 7.3 bei Pitchfork, denn in den USA ist eine gute Kritik auf Pitchfork mittlerweile enorm wichtig... An der Ostküste haben wir jetzt die beste US-Tour gespielt. 24 Shows, Philly, Boston, New York, alle wichtigen Stationen also und fast überall war es ausverkauft. In Boston spielten wir einem Club der rund 700 Leute fasst und den wir fast ausverkauft hätten, obwohl am selben Abend Franz Ferdinand und Death Cab For Cutie ein paar Blocks weiter gespielt haben. Das war schon ziemlich befriedigend... In den USA ist Indie - oder wie auch immer du es nennen willst - sehr populär momentan, das Internet hat viel dazu beigetragen, wir können auf einfache Art und Weise viele Leute mit unserer Musik in Berührung bringen. Zudem haben uns auch die alten Fans nicht vergessen, uns weiterempfohlen und dadurch auch viel geholfen. Dazu kam, dass wir eine Weile weg waren, die Leute kamen also auch zu den Shows, weil es fast wie ein Comeback war...
Was sind eure weiteren Pläne in diesem Jahr?
Im Anschluss an diese Europa-Tour werden wir für Criteria eröffnen, später gehen wir dann wahrscheinlich mit The Jealous Sound auf Tour. Wir erhielten auch ein Angebot für eine Tour mit Dredg, die sind glaub ich recht gross, oder? Ich hab noch nie von denen gehört, aber die scheinen gross zu sein und vielleicht klappt das ja...
Eine Frage noch zum Schluss, die mich als Schweizer natürlich interessiert: Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit dem Lausanner Label Gentlemen Records zustande?
Fig (Gründer und Chef von Gentlemen Records, Anm. d. Verf.) ist ein sehr netter Kerl, wir kennen ihn seit unserem ersten Konzert in der Schweiz, in der Usine in Genf. Unser damaliger Veranstalter, David, hat uns mit ihm bekannt gemacht. Als "Two Conversations" erschien, hat Fig unser Label Tiger Style kontaktiert und sie gebeten, ihm die Lizenz für Europa zu geben. Das lief damals also eigentlich an uns vorbei, das Label hat alles gemanaget. Bei der aktuellen Platte haben dann aber wir unser neues Label The Militia Group dazu angehalten, sie wiederum an Gentlemen zu lizenzieren, denn die Leute von Gentlemen kennen Europa besser als wir. Fig macht einen sehr guten Job. And he's very cute! (lacht, Fig steht gleich daneben, scheint Aaron aber nicht gehört zu haben)...
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