Ein exklusives Gespräch mit den Luzerner Deutschrockern

Jahrelang galten die Zeugen Utopias als das Schweizer Aushängeschild des Deutschrock. Deren ehemaliger Sänger, Levin Knobel, hat sich inzwischen gegen das Rocken und für elektronische Klänge entschieden. Die restlichen drei sind auf der Suche nach einem neuen Sänger schnell fündig geworden und haben die Kronzeugen gegründet. Wir haben mit Gitarrist Florian Fahrni und dem neuen Frontmann, Felix Baumann, gesprochen.

Nachmittags um Vier war die offizielle Geburtsstunde der Kronzeugen. Wie kam es dazu? Kanntet Ihr euch vorher schon?
Flori: Wir hatten uns bereits vor einigen Jahren kennengelernt, als wir beide im Doo Bop arbeiteten. Zudem wusste Reto (Bassist, Anm. der Redaktion), dass Felix in einer Band sang. Durch einen Zufall traf ich dann Felix, nachmittags um Vier, in der Stadt. Wir redeten kurz darüber, dass die Kronzeugen noch einen Sänger bräuchten. Also kam er mal zu einer Probe bei uns vorbei. Von da an war Felix eigentlich dabei.

Früher hat Knobel ja die meisten Songs geschrieben... Musstest du dich zuerst daran gewöhnen, jetzt mehr Songs schreiben zu müssen oder dürfen?
Flori: Eigentlich nicht. Einige Songs von unserem neuen Album sind schon älter. Diese reiften zwei, drei Jahr unter meinem Bett... Zu den Zeiten der Zeugen Utopias hatte Knobel einen so grossen Output, dass ich es gar nicht mehr für nötig empfand, meine Songs auch noch anzubringen. Bei den Zeugen Utopias habe ich gelernt, wie man mit einem Song umzugehen hat.

Rein musikalisch sind die Kronzeugen nun nicht in einer völlig anderen Schublade anzusiedeln als die Zeugen Utopias... War das Absicht? Oder hast du einfach ähnliche Einflüsse wie Knobel das hatte?
Flori: Punkt eins ist, dass ich von Knobel das Gitarrenspielen gelernt habe. Knobel und ich haben insgesamt acht oder neuen Jahre zusammen Musik gemacht. Da ist es natürlich logisch, dass das abfärbt. Allerdings sind meiner Meinung nach die Texte, die von mir stammen, deutlich von Knobels Texten zu unterscheiden. Aber es stimmt schon, wir hatten schon immer einen sehr ähnlichen Musikgeschmack. Wir sind immer noch die selben drei Musiker wie bei den Zeugen Utopias, mit neuem Sänger. Logisch, dass da Parallelen vorhanden sind, obwohl ich finde, dass wir mittlerweile etwas zugänglicher geworden sind.

Wie muss man sich eine Probe von euch vorstellen? Kommt da der Flori mit einem kompletten Song und sagt jedem, wie er was spielen soll? Oder entsteht die Endfassung eines Songs in Zusammenarbeit?
Flori: Normalerweise schreibe ich zuerst den Text, danach spiele ich etwas auf der akustischen Gitarre dazu. Im Proberaum wird das dann vorgespielt. Die Endfassung eines Songs entsteht dann aber natürlich schon in Zusammenarbeit. Die Basis bildet der Text. Danach kann sich ein Song immer wieder verändern.
Felix: Häufig ist es so, dass sich die fertige Version eines Songs komplett anders anhört, als die erste, akustische.

Kommen wir zu eurer Platte. Stimmt es, dass ihr die Songs in eurem Proberaum im Sedel aufgenommen habt, und nicht im Foolpark Studio?
Felix: Das stimmt nicht. Es wurde zwar in einem Magazine mal so gedruckt, aber im Proberaum wurde nur eine Aufnahme für uns, auf ein Achtspur-Gerät, gemacht. Somit konnten wir einige Sachen ausprobieren. Im Nachhinein waren wir dann froh, das gemacht zu haben.

Viele Bands brauchen mehrere Jahre, bis sie es schaffen, ein Album zu produzieren. Wieso ging das bei euch so schnell?

Flori: Die meisten Songs, die jetzt auf dem Album vertreten sind, standen schon in einer Rohversion. Zudem war unsere Spielfreude sehr gross. Die Zeugen Utopias waren Vergangenheit, wir wollten so richtig Gas geben mit den Kronzeugen.
Felix: Wir wussten schon lange, wann die Aufnahmen stattfinden würden. Da wir vorher praktisch keine Konzerte spielten, hatten wir sehr viel Zeit, darauf hinzuarbeiten.



Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, in ein anderes Studio zu gehen als zu Deezl Imhof?
Flori: Für uns war von Anfang an klar, dass es dort das beste Preis-Leistungs-Verhältnis gibt.
Felix: Dazu kommt noch, dass Deezl nicht nur einfach ein Produzent ist, der dir sagt, wie du spielen oder singen sollst. Was das angeht, ist er wirklich extrem kompetent. Irgendwie schafft er es, Dir viel Druck abzunehmen.

Die musikalische Vergangenheit von Roli, Chräiä und Flori kennen wir ja... Aber wie sieht deine Prä-Kronzeugen-Musikkarierre aus, Felix?
Felix: Ich singe immer noch in einer Band namens „Lahar“, parallel zu den Kronzeugen. Davor gab es schon einige Projekte, aber das waren halt eher „Proberaum-Bands“, bei welchen wir alle unsere ersten Erfahrungen sammelten. Vor längerer Zeit gab ich mit zwei Kollegen aus der Jazzschule auch einige Drum `n Bass Konzerte...

Wie war es denn für dich, jetzt plötzlich hochdeutsch singen zu müssen?
Felix: Der Anfang war schon sehr hart. Am Anfang klang das wirklich katastrophal! Nach den ersten Proben dachte ich, das werde wohl doch nicht klappen. Ich wusste, dass ich singen konnte, aber deutsch... Aber Flori hat mir dann viele wertvolle Tipps gegeben, und auch die anderen korrigierten mich, wenn sich etwas nicht gut anhörte. Ich musste wirklich viel üben, bis es dann allmählich besser wurde. Ich schaute auch viel bewusster fern oder sang die Songs während dem Autofahren. Vor den Kronzeugen hatte ich keinen wirklichen Zugang zu deutschsprachiger Musik. Es war auf jeden Fall eine grosse Herausforderung, die viel Disziplin erforderte.

Ist es für dich komisch, Texte zu singen, die nicht von dir stammen?
Felix: Nicht wirklich. Es sind zwar Geschichten, die nicht von mir stammen, ich kann mich aber trotzdem damit identifizieren. Ob ich jetzt das Erzählte miterlebt habe oder nicht, wenn ich diese Zeilen singe, sind sie irgendwie auch ein Teil von mir. Ich kann viele Sachen auch in mein Leben hinein projizieren.

Flori, Hast du nach Knobels Ausstieg jemals daran gedacht, selbst ans Mikrofon zu stehen?
Flori: Ja, aber wirklich nur ganz kurz. Nach Knobels Ausstieg verging nicht mal ein Monat, bis wir Felix anfragten. Im Prinzip hätte ich das gerne gemacht, aber ich wusste, dass es jemanden gab, der das besser kann als ich.

Wie sehen eure Pläne für die nächsten paar Monate aus? Irgendwelche besonderen Konzerte?
Felix: Am 11.11. spielen wir mit Muff Potter in der Schüür, darauf freue ich mich sehr. Ansonsten werden wir viel proben, es entstehen laufend neue Songs. Des weiteren wollen wir natürlich das aktuelle Album promoten.